Annäherung an den Mythos Bayern

Herbert Pöhnl betrachtet mit Patricia Preuß vom Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg seine Fotografien. Sie stammen aus einem Buch, in dem er sich dem Mythos Bayern widmet. Bilder: B. Müller (2)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
20.04.2015
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Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg präsentiert in einer Ausstellung zwei Bücher mit ganz verschiedenen Sichtweisen auf den Freistaat. Dem Betrachter bleibt die Wahl überlassen.

In einem ihrer "Streiflichter" nahm sich die "Süddeutsche Zeitung" dieser Tage sogar Cäsars "Gallischen Krieg" zu Hilfe, als es darum ging, sich dem Phänomen der Sprachen im Freistaat zu nähern. Die Übernahme des berühmten Satzes von der Dreiteilung scheint aber eher ein untauglicher Versuch. Das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg nähert sich mit einer Ausstellung dem Mythos Bayern aus zwei komplementären Blickwinkeln.

Zwei neue Bücher

So bleibt es dem Betrachter überlassen, für welchen Standpunkt er sich entscheidet. Anlass der Präsentation sind zwei Bücher, die im letzten Jahr erschienen. Der Lichtung-Verlag veröffentlichte neue Fotoarbeiten des aus Viechtach stammenden Herbert Pöhnl. Martin Wittmann verspricht im Auftrag des in Wien ansässigen Folio-Verlags, "Total alles über Bayern" festgehalten zu haben.

Der Schriftsteller Bernhard Setzwein, der sich vorzugsweise mit Identitätsversuchen seiner ostbayerischen Heimat beschäftigt, hatte sich als Moderator für den Versuch zur Verfügung gestellt, die beiden Autoren über ihre Perspektiven und ihren Ansatz bei der Betrachtung bayerischer Identität auszufragen. Pöhnl widmet sich seit 1972 mit seinen Fotoarbeiten und seinen Texten den Spannungen von Alltag, Klischee und Natur in der Region Ostbayern. Über die äußere Erscheinung versucht er auch diesmal, in das Innere vorzudringen. Bekanntes wird neu präsentiert, in ungeschminktem Schwarz-Weiß natürlich. Einfache Dinge, die dem Autor und Fotografen bei seinen Fahrten durch das Land begegneten, geben Rätsel auf, fordern den Betrachter zum Nachforschen auf.

Die Plage mit der Heimat

Er plagt sich regelrecht mit Begriffen wie Heimat, schürt Zweifel, wenn er in seinen Texten dem Phänomen Fremdenverkehr begegnet. Er nimmt zum Beispiel Figuren wie den Wanderwart Schosl oder den Kulturmanager Jens Uwe heraus aus ihrem Alltag, macht sie zu Protagonisten von Erscheinungsformen eines sogenannten modernen Bayern, das freilich auf die alten Wagenräder seiner Traditionen nicht verzichten will.

Ganz anders Martin Wittmann, der sich seine Informationen über den Freistaat aus den zahlreichen Statistiken und Zusammenfassungen holt, die ansonsten von niemandem gelesen werden. Wittmann und die Gestalterinnen von "no parking" durchleuchten das bayerische Land nach seinen sprachlichen, kulinarischen und kulturellen Eigenheiten. Ausprägungen des typisch Bayerischen zwischen Statistik und Klischee, König Ludwig und Kaiser Franz, Weißwurst und Bier, Wirtschaftskraft und Dialektvarianten und nicht zuletzt Lieblingsgewohnheiten der Bevölkerung. Ein umfassendes Kaleidoskop also, das, herausgerechnet aus nüchternen, nackten Zahlenreisen, zur farbenfrohen Infografik wird. Die wiederum fordert neue Fragen und Geschichten heraus. Die Statistik bewegt sich, wird lebendig.

Der Leser und der Besucher der Ausstellung haben also die Wahl und das Vergnügen, sich entscheiden zu dürfen, und sie werden möglicherweise feststellen, dass beide Sichtweisen zusammen Ergebnisse und neue Erfahrungen bringen bei dem Versuch, Bayern noch besser kennenzulernen.

Liebevolle Details

Denn so viel ist klar: Es ist ein schönes Land, in dem man zu Hause sein kann, auch wenn der eine oder andere sich mit dem Begriff Heimat schwertut. Das liebevolle Detail und die Fülle aus einer langen Geschichte und aus den Erfahrungen der Menschen bekommen in den beiden Büchern und in der Ausstellung ihren Platz.
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