Aus der Not eine Tugend

Eigentlich sollte Asen Tanchev "nur" eine Geigerin auf dem Klavier begleiten. Da diese aber krankheitsbedingt ausfiel, rückte der 21-Jährige plötzlich in den Mittelpunkt. Und überzeugte das Publikum. Bild: Doris Inzelsperger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
27.02.2015
3
0

Eine Sternstunde der Musik erleben die Besucher des Kammerkonzerts. Dabei war alles anders als geplant: Die Geigerin war krank, und erst 30 Stunden vor dem Konzert vereinbarten die Veranstalter mit ihrem "gesunden" Klavierbegleiter, dass er ein Solokonzert gibt.

Trotz dieser extrem kurzen Vorbereitungszeit bereitet der junge Pianist Asen Tanchev den Musikliebhabern einen unvergesslichen Abend. Das Programm ist ausgefeilt. Mit Ludwig van Beethovens klassischer "Waldsteinsonate", Claude Debussys impressionistischem "Pour le piano" und Frédéric Chopins romantischen "24 préludes" präsentiert der Musiker Werke aus sehr verschiedenen Epochen.

Es ist beeindruckend zu erleben, wie klar er den ganz unterschiedlichen Geist der Stücke erfasst und zum Klingen bringt. Trotz seiner Jugend - er ist erst 22 Jahre alt - erweist er sich als reifer Künstler, der technische Brillanz mit feinsinniger Tiefe in der Interpretation verbindet. Er spielt mit dem ganzen Körper und der Seele. Der Flügel scheint für ihn nicht ein Werkzeug aus Holz und Stahl zu sein, sondern ein lebendiges Wesen. Er spricht mit ihm, fragt ihn, er atmet gleichsam mit dem Instrument und durch es.

Vom ersten Ton an baut Tanchev bei Beethovens Klaviersonate Nr. 21 eine starke Spannung auf. Mit expressiver Dynamik erschafft er eine fast orchestraler Klangfülle. Schmerzliche Intensität, lyrisches Schwelgen, aber auch sonnige Heiterkeit macht er mit sicherem Verständnis fühlbar. Seine Gestaltungskraft lässt Debussys extravagantes "Pour le piano" zu einem farbigen, lichterfüllten Feuerwerk werden. Vor allem die "Toccata" gleicht einem Gemälde von Renoir mit flirrenden Sonnentupfern und hellen Schatten von schwebender Leichtigkeit.

Chopins 24 "Préludes" knüpfen an Bachs "Wohltemperiertes Klavier" an. Auch Chopin schreibt zu jeder Dur- und Moll-Tonart einen Satz, also 24 insgesamt. Sie sind alle unterschiedlich, bilden aber ein dramatisches Ganzes. Tanchev arbeitet sehr flexibel die Unterschiedlichkeit im Charakter heraus. So ist Nr. 7 in A-Dur heiter und verspielt, während Nr. 12 in gis-moll in wilder Dramatik stürmte und Nr. 17 von tiefer Melancholie erfüllt ist. Aber es gelingt dem Pianisten immer, den Zusammenhang spürbar zu machen.

Nr. 16 "Presto con fuoco" fordert ihm rasend schnelle Läufe ab, aber jeder einzelne Ton perlt unter seinen Fingern mit gleicher Präzision und Schönheit hervor. Seine enorme Virtuosität verbindet sich mit jugendlicher Energie und ansteckender Freude an der Musik. So sind die immensen Schwierigkeiten des Stücks nicht spürbar, sondern nur reine Schönheit und Ausdruck.

Mit stürmischem Applaus und stehenden Ovationen feiert das Publikum den Künstler. Mit übersprudelnder Lebendigkeit spielt Tanchev noch einen Chopin-Walzer, danach, als der Beifall wieder nicht enden will, eine Etüde. Das Publikum ist restlos begeistert. Asen Tanchev wird die Musik-Welt noch aufhorchen lassen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Februar 2015 (7876)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.