Bei der Tagung "Was machen die Nachbarn?" im Literaturhaus stehen nicht nur Klassiker aus ...
Die Melodie der Lüge und die Sprache der Liebe

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs schon beschäftigt sich die Journalistin Christine Hamel mit Osteuropa und insbesondere mit Russland. In dieser Zeit hat sie zahlreiche Features und Reportagen für die ARD und den Deutschlandfunk realisiert, beim Bayerischen Rundfunk moderiert sie die "Sonntagsbeilage". Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
12.12.2014
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Im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg fand - in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie in Tutzing - am Wochenende eine Tagung unter dem Motto "Was machen die Nachbarn?" statt. Zu Gast waren unter anderem der tschechische Lyriker Petr Borkovec und die Romanciers Jan Faktor und Petra Hulová. Das Abschlusspodium - moderiert von der BR-Journalistin und Osteuropakennerin Christine Hamel, widmete sich dabei dem Thema "1989 bis heute". Die Kulturredaktion führte mit ihr dieses Interview.

Die Tagung stand unter dem Motto: "Was machen die Nachbarn?" Ja, was machen sie denn, die Tschechen?

Christine Hamel: Ach, der Samt, der vor 25 Jahren die Revolution ummantelte, der ist zu einem riesigen Filz verkommen! Das Land hat große Probleme, was Korruption anbelangt. Und es gibt neue Abhängigkeiten, die sich aus der Ökonomisierung ergeben. Jan Faktor ist nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 aus seinem Heimatland nach Ostberlin geflüchtet, ganz einfach deswegen, weil er die "Melodie der Lüge", die in seiner Muttersprache damals erklang, nicht mehr ertrug. Er wurde dann Teil der Szene am Prenzlauer Berg und begann in diesem Milieu, langsam zum deutschsprachigen Schriftsteller zu mutieren. Wenn er heute das neoliberale Prag besucht, dann erlebt er, wie er sagt, ein Déjà-vu: Durch die Omnipräsenz der des Marktschreierischen und der Werbung wird die Sprache wieder geschändet.

Und wie sieht der Buchmarkt aus?

Hamel: Die Tschechen sind sehr fleißige Leser - und es wird auch viel übersetzt, vor allem aus den englischsprachigen Ländern. Dann, an zweiter Stelle, kommt aber schon die deutschsprachige Literatur. Das war vor 1989 übrigens anders. Wenn ich so nachdenke: Ja, man hat überhaupt das Gefühl, dass viel im Fluss ist. Die Tschechen sind sich immer noch nicht sicher, wo sie hingehören, zu Osteuropa oder zu Mitteleuropa? Die Frage der Identitätsverortung, die ist sehr wichtig. Außerdem fühlen sie sich von außen in Stereotypen wahrgenommen.

Da dürfte es doch als wohltuend empfunden worden sein, dass mit der Neuübersetzung des Schwejk das doof-gemütlich-böhmakelnde Image weggefallen ist ...

Hamel: Das ist ganz bestimmt so. Der Schwejk ist durch die Neuübersetzung ja ein ganz anderer Typ geworden. Und das ist für die tschechische Selbstwahrnehmung von enormer Bedeutung: Weil sie sich schon sehr anders fühlen als beispielsweise Spanier, Italiener, Franzosen - oder eben Deutsche.

Trägt die Literatur auch dazu bei, was das Verhältnis des Landes zur eigenen Geschichte anbelangt?

Hamel: Ganz bestimmt: Der Impuls, sich mit den beiden großen Tabuthemen - also der Vertreibung der Deutschen und der Frage, wie sich die Generation der Urgroßeltern angesichts des Holocausts verhalten hat - auseinanderzusetzen, der kam tatsächlich von der Literatur. Die Geschichtswissenschaft sprang da dann quasi erst auf einen fahrenden Zug auf.

Und die Gegenwart? Spielt die auch eine Rolle in der aktuellen Literatur?

Hamel: Mit Petra Hulová saß eine Vertreterin der jüngeren Generation auf dem Podium. In ihrem - in deutscher Sprache unter dem Titel "Dreizimmerwohnung aus Plastik" bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Monolog einer Prostituierten möchte sie ihre Leser ganz bestimmt provozieren - auch durch das Unumwundene im Zugang und die Schnoddrigkeit! Das ist wirklich sehr herbe Kost! Nicht zuletzt durch die Nachfrage aus Deutschland aber ist Prostitution eben ein Thema, das in der Mitte der tschechischen Gesellschaft angesiedelt ist.

Wofür interessieren sich die Lyriker?

Hamel: Petr Borkovec hat den Fall des Eisernen Vorhangs als junger Erwachsener erlebt - und er hat damals die neue Freiheit nur genossen! Alle Bücher, die vorher verboten waren, die waren nun plötzlich zugänglich, nicht nur in den Läden, auch in Bibliotheken. Als Lyriker aber orientiert er sich nicht nur an klassischen Literaturorten - für sein aktuelles Projekt "Lido di Dante" geht er sehr modern vor und besucht beispielsweise r Internetforen, in denen sich Eulenliebhaber treffen!

Aha. Internetforen für Eulenliebhaber ...

Hamel: Ich wusste das auch nicht: Aber wer den berühmten Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" kennt, weiß, dass die Eule eine ganz wichtige Rolle spielt, in der tschechischen Literatur und Mythenwelt! Borkovec ist ein großer Sprach- und Stilmischer: In seinem Band, da treffen Dante und Freikörperkultur zusammen - und was ihn vor allem interessiert, das ist die Sprache der Liebe!
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