Berliner Verlag Binooki stellt sich im Literaturhaus Oberpfalz vor - Zwei Schwestern machen ...
Unverstelltes Bild, wie die Türkei funktioniert

Nach dem Podiumsgespräch machten es sich die Verlegerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye mit Programmleiterin Patricia Preuß (von links) auf dem Sofa von Ingeborg Bachmann gemütlich. Bild: cog
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
20.10.2014
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Döner Kebab, Kopftuchträgerinnen und sonnenverwöhnte Strände, das ist die Türkei. Oder? Zwei türkischstämmige Frauen haben in Berlin den Verlag Binooki gegründet, der aktuelle türkische Literatur auf Deutsch herausgibt, um Klischees zu bekämpfen und die beiden Heimaten der Verlegerinnen zu verbinden.

Der Verlag will eine neue Sicht auf die Türkei ermöglichen, und so ist auch der Name zu verstehen, denn "Binooki" ist vom Binokel abgeleitet, dem Kneifer. Eine solche Sehhilfe sind auch die Bücher, die bei Binooki erscheinen. Die Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels, Gründerinnen und Geschäftsführerinnen, stellten den Verlag und einige seiner Bücher im Rahmen der Türkischen Woche in der Herzogstadt vor.

Buch über Gezi-Proteste

Im Gespräch mit Patricia Preuß, der Programmleiterin des Literaturhauses Oberpfalz, berichteten die Verlegerinnen über die heutige türkische Literaturlandschaft und präsentierten "Gezi", ihr neuestes Buch, das die Proteste in Istanbul voriges Jahr behandelt. Die beiden sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber während Bürhaniye, die ältere, schon als Kind gern und viel auf türkisch las, wollte Wels, stärker auf Deutsch sozialisiert, immer warten, bis eine deutsche Übersetzung der Bücher erscheint. Türkische Gegenwartsliteratur wurde aber kaum je ins Deutsche übertragen. 2010 beschlossen die Schwestern, selbst einen Verlag zu gründen, um diese Bücher in Deutschland herauszubringen. Bei den Verlagen in Istanbul rannten sie offene Türen ein, und so kam 2012 das erste Buch von Binooki in die Läden. Inzwischen bieten die türkischen Verlage von sich aus Binooki Bücher an. Bürhaniye und Wels verlegen nur Bücher, die in der Türkei erfolgreich waren. Werke von türkischstämmigen Deutschen bringen sie nicht heraus. Damit haben die Verlegerinnen eine Marktlücke geschlossen, und ihre Bücher kommen gut an.

Einblicke in Politik

Das Programm umfasst derzeit 21 Werke, pro Jahr erscheinen etwa 6. Überwiegend ist es Prosa. Das Hauptaugenmerk liegt auf jungen Autoren. Dabei ist es den Schwestern wichtig, einen Schriftsteller nicht nur mit einer Stimme vorzustellen, sondern mit mehreren Werken. Deshalb haben sie die erfolgreiche Krimireihe von Baris Uygur herausgebracht. Die Literatur, erläuterte Bürhaniye, gibt ein unverstelltes Bild davon, wie die Türkei heute funktioniert. Auch wenn Binooki kein politischer Verlag ist, geben die Bücher immer auch Einblicke in die politische Situation.

Mit "Gezi" haben die Verlegerinnen Neuland betreten: Erstmals geben sie ein Buch heraus, das es nur auf Deutsch gibt. Die Anthologie versammelt vorher unveröffentlichte Geschichten, Dialoge, Gedichte und literarische Essays von 19 Autoren, die letztes Jahr bei den Protesten waren, außerdem aussagestarke Fotos. "Wir wollten jeder Partei, die dabei war, eine Stimme geben und damit für Transparenz sorgen", erklärte Wels. So bildet das Buch die bunte Vielfalt der Proteste im Gezi-Park ab, denn "die Proteste verbanden viele Ethnien und soziale Gruppen, die sonst nicht zusammenkommen". Das Buch gibt eine Innensicht der Proteste, die mit Kreativität und Humor beeindruckten. Dieser Humor prägt auch viele der Texte. Deutlich wurde das im absurd komischen Dialog "Der erste geklonte Staatspräsident und seine Tragödie" von Hakan Günday, den die Schwestern gemeinsam vorlasen.

Bereit, etwas zu tun

"Durch die Proteste ist den Menschen bewusst geworden, dass sie etwas ändern können", stellte Wels fest, und Bürhaniye ergänzte: "Die Leute sind jetzt bereit, etwas zu tun. Auch einige Autoren sind dadurch politischer geworden."

Nach einer lebhaften Diskussion nutzten die Besucher die Gelegenheit, am Büchertisch der Buchhandlung Volkert in den Romanen und Erzählungen aus dem Haus Binooki zu schmökern und sich mit Lesestoff für zu Hause einzudecken.
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