Christian Muggenthaler erzählt heute im Literaturhaus aus Leben und Werk des Dramatikers Martin ...
"Man steht in Sperrs Bann"

Christian Muggenthaler erklärt, warum es sich auch heute noch lohnt, sich mit Martin Sperr, der 2002 verstorben ist, zu beschäftigen. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
19.11.2015
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Martin Sperr wurde berühmt mit seinem Theaterstück "Jagdszenen aus Niederbayern". Im Literaturarchiv ist zur Zeit eine Ausstellung zu Leben und Werk des Dramatikers Martin Sperr zu sehen. Aus diesem Anlass werden am Donnerstag, 19. November (20 Uhr) die Schauspieler Paula Maria Kirschner und Hans Anzenberger Texte aus dem Sperr-Buch "Willst Du Giraffen ohrfeigen, musst Du ihr Niveau haben!" lesen. Im Vorfeld hat die Kulturredaktion mit dem Journalisten Christian Muggenthaler, der die Ausstellung konzipiert hat, gesprochen.

Warum lohnt es sich auch heute noch, sich mit Martin Sperr, der 2002 im Alter von 58 Jahren starb, zu beschäftigen?

Christian Muggenthaler: Seine Themen sind zeitlos. Er beschreibt die Mechanismen der Ausgrenzung. Er beschreibt Gesellschaften und Gesellschaftsgruppen, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl nur dann entwickeln können, wenn sie sich Feinde schaffen, die sie gemeinsam bekämpfen können. Wer um sich schaut, sieht, dass es solche Tendenzen immer wieder gibt. Das Thema ist ja gerade wieder sehr aktuell, denken Sie nur an Pegida! Deshalb ist auch Sperr wieder sehr aktuell.

Sie haben Martin Sperr auch persönlich kennengelernt?

Muggenthaler: Ich bin in Landshut und vor allem in Regensburg tätig. Und, ja: Ich habe Herrn Sperr persönlich kennen lernen dürfen. Ich habe ihn unter anderem im Jahr 2001 befragt zur Landshuter Premiere der "Landshuter Erzählungen". Die hat ihn sehr gefreut, es war damals vor Ort eine Erstaufführung. Er war also schlussendlich auch in seiner letzten Heimatstadt angekommen. Die Premiere war ein großer Erfolg.

Martin Sperr stand in der Tradition des bayerischen Volkstheaters. Wo liegt die spezifische Kraft dieser Ausdrucksform?

Muggenthaler: Es geht darum, Menschen in ihrer gesellschaftlichen Position zu zeigen. Zu zeigen, was Angst, ein ausbeuterisches Wirtschaftssystem, bigotte Moralvorstellungen, eine von Massenmedien korrumpierte Sprache und so weiter und so fort mit Menschen anstellen. Es ist oft ein Theater, das weh tut. Im Grunde ist das alles eine Folge des großen Theatererneuerers Brecht.

Sie haben die Ausstellung konzipiert. Wo sucht man da - und welche Lebenszeugnisse haben Sie zutage gefördert?

Muggenthaler: Das war im Grunde ganz einfach. Ich habe im Zug der Vorbereitung der Landshuter Literaturtage 2014, die sich Martin Sperr gewidmet haben, seine Tochter Felicitas kennen gelernt. Sie hat das Sperr-Archiv zu Hause und war unendlich kooperativ. Ein Schatz, der mir einen Schatz öffnete. Und ich habe viele Zeitzeugen befragt.

Welche Texte werden am Donnerstag vorgestellt?

Muggenthaler: Wir erzählen Sperrs Leben vermittels einiger Quellen. Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass. Und Texte über Martin Sperr. Zum Beispiel die Leserbriefschlachten aus der örtlichen Presse anlässlich der Uraufführung des Films "Jagdszenen aus Niederbayern" in Landshut. Das ist eine grandiose und unterhaltsame Rückreise zum Bewusstseinsstand der Menschen am Ende der 60er Jahre.

Haben Sie bei Ihren Recherchen denn auch den Menschen Martin Sperr näher kennen gelernt?

Muggenthaler: Oh ja! Alle, die je mit ihm persönlich zu tun hatten, waren ungemein eingenommen von ihm. Weil er so war, wie er war, und sich nicht verstellte. Auch in seinen vermeintlichen Schwächen. Sinnlichen Genüssen wie dem Essen und Trinken äußerst zugetan. Und immer gelassen, freundlich, zugewandt. Einfach das, was man auf bairisch "an michad'n Mo" nennt. Und das geht auch dem Germanisten so, der sich post mortem für sein Leben interessiert: Man steht in Sperrs Bann.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.literaturarchiv.de
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