Delius-Lesung im Literaturhaus
Exquisiter Umgang mit der Sprache

Im Literaturhaus präsentierte Friedrich Christian Delius eine Roman-Version seiner Familiengeschichte und begegnete mit Walter Höllerer und Klaus Wagenbach zwei prägenden Figuren seiner literarischen Karriere. Bild: aks
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
09.11.2016
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"Dabei braucht die Welt doch Liebesromane gerade nach den Zeiten des Hasses, gerade in einer Welt, in der so viel gehasst wird." Exakter als mit diesem Zitat aus seinem neuen Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin" hätte F.. C. Delius den Nerv an dem international so geschichtsträchtigen Abend im Literaturhaus Oberpfalz nicht treffen können.

Die aktuellen Verwerfungen auf der politischen Weltbühne spielen bei der Lesung, die Heribert Tommek als Vorsitzender des Literaturarchiv kompetent begleitet, allerdings keine Rolle. Delius' Werk wurzelt eher im Genre "Historischer Roman". Eine entsprechende Feststellung des Germanistik-Dozenten Tommek kitzelt jedoch gleich den Widerspruchsgeist des hoch dekorierten Schriftstellers, der das Buch als Liebesgeschichte und Familienroman sieht, das "wie jede gute Geschichte auch historisch" sei. Im Übrigen passe er in viele Schubladen, eine einzige ist Delius schlichtweg zu wenig.

Drei Kostproben


Der launige Schlagabtausch geht in die nächste Runde, als Tommek Gehorsam und Widerstand als Hauptthema des Buches identifiziert und einen möglichen Kommentar zur deutschen Geschichte andeutet. "Ich denke nicht so viel beim Schreiben wie Sie als Germanist. Ich schreibe, Sie denken nach und wir sprechen darüber", retourniert Delius.

Als ganz so unbedarft und frei assoziiert, wie es der Autor glauben machen will, präsentiert sich die "Liebesgeschichtenerzählerin" aber nicht. Schon die drei Kostproben unterstreichen nicht nur eine exakte Komposition, ohne die die drei ineinander verwobenen Liebesgeschichten nicht zu einer großen Erzählung zusammenwachsen könnten, sondern auch einen exquisiten Umgang mit der Sprache.

Doktorvater Höllerer


Letzteren führt Friedrich Christian Delius nicht zuletzt auf seinen Doktorvater Walter Höllerer zurück, der Literatur immer auch als Handwerk betrachtete und Delius eher zufällig zum Werk "Der Held und sein Wetter" antrieb - nach eigener Einschätzung "eine der witzigsten Dissertationen im deutschen Raum bis heute".

Seine Arbeit als Lektor beim Wagenbach-Verlag, dem das Literaturhaus passenderweise ein Stockwerk tiefer immer noch eine Dauerausstellung gewidmet hat, wird ein Übriges zum präzisen Umgang mit Melodie und Bildern der Sprache beigetragen haben. Und genauso liest Delius auch: Mal kantig, mal fließend, aber immer ganz Herr seiner anspruchsvollen Satzkonstruktionen. Sogar die Spiegelstriche, die statt einem gewöhnlichen Punkt jeden Absatz beenden, kann man hören. Ohne "zu heroisieren" oder "herunterzumachen" begibt sich der Autor also zusammen mit seiner Erzählerin Marie von Schabow auf die Spuren der eigenen Familie. Eine zentrale Rolle überlässt Delius dabei dem Großvater, der sich vom U-Boot-Kommandanten zum Volksmissionar wandelt.

Eingezwängt im Spannungsfeld zwischen christlich-konservativer Ausrichtung und emanzipatorischer Befreiung, wählt dessen Tochter Marie schließlich den Weg des Schreibens, um "nicht zuletzt den Enkelinnen und Enkeln des Kapitäns von der Liebe in den härteren Zeiten des Krieges und der Niederlagen zu erzählen". Sie braucht dafür drei Liebesgeschichten, Friedrich Christian Delius reicht ein Roman.

Ich denke nicht so viel beim Schreiben wie Sie als Germanist. Ich schreibe, Sie denken nach und wir sprechen darüber.F. C. Delius
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