Die 1983 in Tiflis geborene Nino Haratischwili stellte ihren Roman "Das achte Leben (für ...
Ganz ohne Hoffnung kann man nicht leben

"Wir lernen alle wenig aus der Geschichte!" Nino Haratischwili hat nicht nur die letzten drei Seiten in ihrem Roman freigelassen, auch der Titel bringt es auf den Punkt: "Das achte Leben (für Brilka)" ist das noch in Zukunft zu schreibende Kapitel in der Geschichte ihres Herkunftslandes Georgien. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
09.03.2015
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Eigentlich wollte Nino Haratischwili ja einen Roman über die Perestroika-Jahre schreiben. Dann aber merkte die 1983 in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Autorin: Sie kann die letzten Jahre der Sowjetunion nur dann glaubhaft darstellen, wenn sie auch die Vorgeschichte berücksichtigt. Und so entstand in vier Jahren intensiver Schreib- und Recherchearbeit ein 1280 Seiten starkes Buch, das sich über sieben Generationen und ein ganzes Jahrhundert hinweg erstreckt und das aus georgischer Perspektive die Geschichte eines untergegangenen Reiches erzählt.

Patricia Preuß, die Programmleiterin im Literaturhaus Oberpfalz, hat sich mit dieser Einladung einen persönlichen Wunsch erfüllt: Denn "Das achte Leben (für Brilka)" war ihr persönlicher Romanfavorit des vergangenen Herbstes. Die Autorin lieferte den Besuchern einen eindrucksvollen Einblick in ihr Monumentalwerk.

Das funktioniert in bester Erzähltradition so, dass Nino Haratischwili den Leser (und, was die Publikumszusammensetzung auch hier im Literaturhaus zeigt, vor allem: die Leserin!) zunächst anlockt mit dem süßen Duft der Liebe und dem, was ein Schokoladenfabrikant (der Ururgroßvater der Erzählerin, der alchemistenhaft eine russisch-europäische Schoko-Symbiose anstrebt) an Verzauberndem herzustellen vermag. Und das liest sich tatsächlich so, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft: Da ist von "paradiesischen Torten" und "Kuchen aller Art" die Rede, von "Trüffelschokolade, Bitterschokolade, Vollmilchschokolade mit Aprikosengelee, Walnuss- und Traubensorten", aber auch Exotischem "wie Schokoladentarte mit schwarzem Pfeffer, Kirschlikörbonbons im Minzschokoladenmantel, Schokoladenkekse mit Feigencremefüllung oder Nougatschokolade mit Wassermelonengelee.

Die Chocolaterie vollbrachte es, die französische Pâtisserie und die österreichische Backtradition mit osteuropäischer Opulenz zu vereinen. " Und während man in einen Taumel angesichts solcher Köstlichkeiten gerät , taucht Nino Haratischwili der von Lenin und Stalin geschriebenen Partitur des Jahrhunderts folgend ihre Protagonisten in ein bitteres Säurebad und sorgt so beim Leser für komplette Desillusionierung. Ob denn angesichts dieser emotionalen Achterbahnfahrten überhaupt so etwas wie Hoffnung möglich sei - ein Lernen aus der Geschichte etwa? - will Moderatorin Christine Hamel wissen. Nino Haratischwilis Antwort fällt zunächst bitter aus: "Wir lernen alle wenig aus der Geschichte!" Um nach kurzem Nachdenken fortzufahren: "Die einzige Hoffnung ist dieses Buch. Denn ganz ohne Hoffnung kann man gar nicht leben. Deshalb habe ich auch die letzten Seiten freigelassen, für Brilka nämlich." Brilka ist zwölf Jahre alt, lebt in Georgien, und hat ihr Leben und ihre Zukunft noch vor sich.

Vielleicht kommt Nino Haratischwili ja in ein paar Jahren wieder ins Literaturhaus Oberpfalz ? Und kann dann aus dem achten Buch, aus der schokoladesüßen Fortsetzung, lesen?

Nino Haratischwili: "Das achte Leben (Für Brilka)". Frankfurter Verlagsanstalt, 1277 Seiten, 34 Euro
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