Dr. Manuel Trummer über die Allerweltskirchweih
Die Kirwa lässt nicht nach

Kirwaszene aus Schmidmühlen: Rittlings sitzen die Moidln auf dem Baum, als dieser zum Aufstellen transportiert wird. Die Faszination, die die Kirwa auf die Jugendlichen im Landkreis ausübt, ist ungebrochen. Archivbild: bjo
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
17.10.2014
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(upl) "Oh Kirwa lou niat nou" - So beginnt das hohe Lied der Kirchweihen in der Region. Zur Allerweltskirwa an diesem Wochenende erklärt Kulturwissenschaftler Dr. Manuel Trummer, wie sich dieses Fest verändert hat und warum es nicht totzukriegen ist.

120 Kirchweihen in zwölf Monaten: Das Jahr hat nicht so viele Wochenenden, als dass jede Kirwa im Landkreis eines für sich beanspruchen könnte. Mit der Allerweltskirchweih am dritten Oktobersonntag sollte 1866 per Dekret ein bayernweit einheitlicher Termin festgelegt werden, damit die pausenlose Feierei ein Ende habe. Manuel Trummer kommt aus dem Landkreis, der sich nie an diese Vorgabe der Obrigkeit gehalten hat. Der 35-Jährige beschäftigt sich mittlerweile beruflich mit der Materie.

Morgen ist Allerweltskirwa. Wie verbringt Dr. Manuel Trummer dieses für Kulturwissenschaftler bedeutende Ereignis?
Trummer: Leider nicht unter dem Kirwabaum, nicht bei einer gebratenen Gans oder einer Mass Bier. Bei mir gibt's Kontrastprogramm. Ich bin in Preußen, in Berlin einen alten Freund besuchen. Das war schon lange ausgemacht.

Waren Sie selber schon mal Kirwabursch?
Trummer: Ich war selber nie Kirwabursch. Aber ich habe die vielen Kirchweihfeste in und um Vilseck herum natürlich aus nächster Nähe erlebt. Wenn man in den 80er und 90er Jahren im Landkreis Amberg-Sulzbach aufgewachsen ist, lässt sich das gar nicht vermeiden.

Welche Rolle spielt das Thema Kirchweih bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit?
Trummer: Ich beschäftige mich unter anderem mit der Frage, wie sich die Alltagskultur in ländlichen Räumen verändert, die einen demografischen oder strukturellen Wandel durchlaufen. In solchen Fällen ist es oft so, dass sich die Menschen neue Identifikationspunkte suchen und diese dann besonders hervorheben. Das ist in gewisser Weise auch als Reaktion auf Abwanderung und die Auflösung traditionaler Muster zu verstehen.

Ist so die Kirwa-Euphorie im Amberg-Sulzbacher Land zu erklären?
Trummer: Das Kirwa-Feiern ist zu einem massiven Element der ländlichen Identität geworden. Es kompensiert in vielen Dörfern die Tatsache, dass es keine Wirtshäuser mehr gibt, dass sich das soziokulturelle Leben in die Zentren verlagert hat. Wenn die Leute ihre Tanzproben halten, zum Schnodahipfl-Dichten zusammenkommen, gemeinsam das Zelt aufstellen und sich nachher zum Helferfest treffen, dann schaffen sie dafür quasi Ersatz.

Manche sagen: "Da geht's doch eh nur ums Saufen!" Kommt da Widerspruch von Ihnen?
Trummer: Das sollte man differenziert betrachten. Einerseits spielt der Alkoholkonsum bei Festivitäten unterschiedlicher Art eine Rolle. Andererseits ist die Kirwa ein typischer Übergangsbrauch. Das heißt: Die Jugendlichen gehen als Kirwaburschen oder -moidln über ins Erwachsenenalter. Dazu gehört, dass die gesellschaftliche Ordnung an der Kirwa ein Stück weit aufgehoben ist. Die Normen haben ein paar Tage lang Pause. Dazu kommt, dass bei den einst überschaubaren Kirchweihen eine starke Eventisierung eingesetzt hat.

Eventisierung? Ist das ein Fachbegriff der Kulturwissenschaft?
Trummer: Ja, tatsächlich. Er bedeutet in Bezug auf Kirchweihen, dass diese Feste immer professioneller geplant werden. Mit immer größeren Musikkapellen und Zelten. Ein Wesensmerkmal der Eventisierung ist die Rhetorik des Einzigartigen - nach dem Motto "Wer hat die größte, schönste, beste Kirwa?" Diese Rhetorik wirkt sich auch auf die Art aus, wie man feiert. Das hat sich bei uns erstmals in den 80er Jahren bemerkbar gemacht. Ab dieser Zeit ist die Kirwa zunehmend eine Symbiose mit der Disko eingegangen. Daraus ist eine Mischform entstanden mit allen unerwünschten Nebenwirkungen.

Viele sagen, mehr Kirwa geht nicht mehr. Ist der Höhepunkt der Kirwa-Welle schon überschritten?
Trummer: Solange wir den Folgen des demografischen Wandels unterliegen und das Bayerische Fernsehen wie verrückt Bilder vom Oktoberfest sendet, wird es auch die Kirwa in der aktuellen Form geben. Allerdings zeigt sich in manchen Orten schon, dass es immer schwieriger wird, Kirwapaare zu finden. Ich glaube, es gibt zwei Tendenzen: Etliche Kirwan werden verschwinden, bei anderen setzt sich die Eventisierung fort.

Wenn Sie an Ihre persönlichen Kirwa-Naherfahrungen denken, an welche Szene erinnern Sie sich besonders gern?
Trummer: An den Moment, an dem man als Kind in eine Semmel mit zwei Bratwürsten beißt. Dieser Geschmack, der scharfe Senf, der beißende Rauch. Das ist Kirwa pur.
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