Ein Leben für die Wissenschaft
Oberpfälzer Histamin-Forscher Prof. Dr. Wilfried Lorenz mit Preis verewigt

Er machte auch auf den Bergen eine gute Figur: Wilfried Lorenz bestieg mehrere Dreitausender und entspannte sich dabei von seinen intensiven wissenschaftlichen Arbeiten. Sein Name wird immer mit der internationalen Histamin-Forschung verknüpft bleiben. Repros: Gebhardt (4)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
08.01.2016
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Im Werle-Labor in München fischte der Mediziner Gewebeproben aus einem Behälter mit flüssigem Stickstoff.

Alexander von Humboldt war sein Vorbild, genau wie dieser wirkte er als wissenschaftlicher Netzwerker, Forscher und Entdecker: Prof. Dr. Wilfried Lorenz, verstorben 2014, hatte vielfältige Beziehungen zur Oberpfalz. Seine Witwe Margit Lorenz durfte nun in Berlin einen hochrangigen Medizinpreis mit überreichen, der nach ihm benannt ist.

Beschäftigt man sich mit dem Leben von Wilfried Lorenz, drängt sich schon nach wenigen Minuten die Frage auf: Wie hat der Mann nur all diese Aktivitäten bewältigt? Mediziner, weltbekannter Wissenschaftler, aber auch Schauspieler, Regisseur, Musiker, Dichter, ebenso Familienvater und Bergwanderer. Und das alles bis ins Alter.

Geboren wurde der spätere Forscher 1939 in Eschenbach in der Oberpfalz, ging in Frauenau im Bayerischen Wald zur Grundschule, bis er, dank der Bemerkung seines Lehrers "Dem kann ich nichts mehr beibringen", nach Regensburg ans Alte Gymnasium durfte. Dort musste er stets einer der Besten sein, um Förderung zu erhalten, denn sein Vater als Spätheimkehrer hatte oft Schwierigkeiten, das Schulgeld aufzubringen. In Regensburg fand Lorenz auch zur Musik und zum Theater, als Schauspieler, Autor und Regisseur.

Ab 1959 studierte er Medizin in Würzburg, Tübingen und München, wo er 1965 sein Examen ablegte und promovierte. Nach seine Assistenzzeit kam 1969 die Habilitation als Klinischer Chemiker, der frischgebackene Privatdozent wurde 1970 zum Professor und Vorstand der Abteilung für Experimentelle Chirurgie und Pathologische Biochemie in Marburg berufen. 1979 bis 1986 war er selbstständiger Leiter der klinischen Forschung, ab 1986 auch Institutsleiter für Theoretische Chirurgie. Er wurde für zwei Jahre zum Geschäftsführenden Direktor des Zentrums Operative Medizin I in Marburg gewählt, von 1998 bis 2004 arbeitete er als Direktor des Instituts für Theoretische Chirurgie und war der Gründungsvorsitzende der Ständigen Kommission für Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften Deutschlands).

Ans Tumorzentrum


Schließlich zog es ihn wieder in Heimatnähe: Von 2004 bis 2014 wirkte er, bis zu seinem Tod am 24. Oktober 2014, als Studienleiter im Tumorzentrum Regensburg. Prof. Dr. Wilfried Lorenz war anerkanntes Mitglied vieler nationaler und internationaler Gesellschaften und Vereinigungen und hat unzählige Auszeichnungen erhalten - erwähnt seien nur das Große Bundesverdienstkreuz, die Ehrenmitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und die Euricius-Cordus-Medaille der Marburger Universitätsmedizin. Welche Beziehung hatte der bekannte Forscher zur Herzogstadt? Seine Eltern zogen 1956 nach Rosenberg in den Hangweg, 1960 begegnete er seiner späteren Frau Margit Bär. 1961 "famulierte" der Medizinstudent bei Chefarzt Dr. Hermann Semmelroch am Krankenhaus in Sulzbach, 1963 heiratete er in Sulzbach-Rosenberg seine Margit. Obwohl die kleine Familie dann nach München umzog, kam der erste Sohn Jörg im hiesigen Krankenhaus zur Welt. Er und sein Bruder Alexander verlebten in der Herzogstadt bei den Großeltern viele Ferien. Ab 2012 sanierte das Ehepaar Lorenz das Elternhaus in der Weiherstraße, um hier den Lebensabend zu verbringen. Doch am Tag des Einzugs starb der an Krebs erkrankte Wilfried Lorenz 2014 im Alter von 75 Jahren. Am 7. November 2014 wurde er in Sulzbach-Rosenberg auf dem Alten Friedhof beigesetzt, ein Glasbild schmückt die Familiengrabstätte.

Der "Histamin-Papst"


Wilfried Lorenz legte den Schwerpunkt bei seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor in Marburg zunächst auf die Erforschung von Histamin in Gesundheit und Krankheit. Dieser Stoff spielt eine große Rolle bei allergischen Reaktionen und im Immunsystem. Weltweit anerkannte Studien (Landmark-Studie in den USA) brachten ihm den Titel "Histamin-Papst" ein. Bekannt ist er auch als Begründer der CAS (Chirurgische Arbeitsgemeinschaft klinischer Studien). Er schuf in Marburg das Fach Theoretische Chirurgie, international bekannt als "Marburger Modell" - zuerst vielfach kritisiert, jetzt weltweit anerkannt.

Weltweit anerkannt


Ab 1985 baute Wilfried Lorenz darüber hinaus mit der AWMF (ihr gehören 173 Fachgesellschaften an) ein deutschlandweites Programm zur Entwicklung medizinischer Leitlinien auf, das heute in aller Welt anerkannt ist. Schon als 15-Jähriger veröffentlichte Lorenz seine Werke - damals allerdings noch Gedichte in der Heimatzeitung. Im Alter konnte er dann auf eine lange Reihe von Studien, Büchern, Artikeln etc. zurückblicken.

Sie haben bis heute ihre Bedeutung behalten, und die Herzogstadt kann stolz sein auf ihren Beitrag zum Leben des bedeutenden Wissenschaftlers. Wie Alexander von Humboldt hat er große Fußspuren hinterlassen - auf vielen Gebieten.

Wilfried-Lorenz-VersorgungsforschungspreisAuf Anregung der Arbeitsgruppe Nachwuchsförderung des DNVF (Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung) haben Vorstand und Mitgliederversammlung die Auslobung eines Preises für Versorgungsforschung beschlossen. In Gedenken an das verstorbene Ehrenmitglied Prof. Dr. Wilfried Lorenz kamen sie überein, den Preis nach ihm zu benennen. Er dient der Weiterentwicklung der Versorgungsforschung in Deutschland sowie der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und wird jedes Jahr ausgelobt. Der Wilfried-Lorenz-Versorgungsforschungspreis 2015 wurde beim Kongress in Berlin erstmals verliehen, und zwar an Saskia Huckels-Baumgart und Prof. Tanja Manser für ihre innovative Arbeit mit dem Thema "Identifying medication error chains from critical incident reports". (ge)
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