Eröffnung der Sonderausstellung „Unabhängig bleiben! Zur Geschichte des Verlags Klaus Wagenbach“
Unmoralischer Weg zum Erfolg

Bei einer Podiumsdiskussion erörtert Michael Peter Hehl (Mitte) mit den Gästen Hanna Mittelstädt und Jörg Sundermeier (rechts) Freud und Leid des unabhängigen Verlagswesens. Bild: aks
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
10.05.2016
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"Wagenbach war einfach nicht unser Schnack", bekennt Verlegerin Hanna Mittelstädt im Literaturhaus Oberpfalz. Eine Aussage, die oberflächlich so gar nicht zur Eröffnung der Sonderausstellung "Unabhängig bleiben! Zur Geschichte des Verlags Klaus Wagenbach" passen will.

Das Podiumsgespräch "Independent Publishing. Zur Haltung unabhängiger Verlage" mit Verleger Jörg Sundermeier hätte es aber kaum besser eröffnen können. Glücklicherweise hat Michael Peter Hehl, wissenschaftliche Leiter des Literaturarchivs und Gastgeber des Abends, ohnehin kein "historisierendes Abfeiern" als Gesprächsleitfaden im Sinn.

Stattdessen interessiert er sich für die Anfänge der beiden Verlage Edition Nautilus und Verbrecher Verlag, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in das Abenteuer gestürzt haben, Bücher abseits des Mainstreams herauszubringen.

Gerade der Hamburger anarchistischen Schülerbewegung entwachsen, rutschten Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires 1972 mit linken Schriften zufällig ins Verlegerdasein. Von Anfang an finanziell nicht auf Rosen gebettet, sei das wirtschaftliche Überleben einer Mischkalkulation zu verdanken, in der erfolgreiche Titel diejenigen mitziehen, an denen das Herz der Verleger trotz mangelnder Kommerzaussichten hängt.

Schräge Idee


Glückstreffer sind dabei nicht ausgeschlossen, wie etwa der Überraschungshit "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel: "Der absolute Verlagshöhepunkt, gigantisch". Damit, dass etwas so durch die Decke geht, müsse man allerdings genauso klarkommen wie mit nachfolgenden maueren Jahren, bekennt Mittelstädt.

Ähnlich offenherzig berichtet Sundermeier von der skurrilen Initialzündung seiner Karriere als Kopf des Verbrecher Verlags. Gemeinsam mit seinem Kollegen Werner Labisch suchte er eigentlich nur eine geschickte Möglichkeit, unveröffentlichte Manuskripte fürs häusliche Regal zu erschließen.

Einprägende Geschichten


Aus der Idee, sich als Verlag auszugeben, eingesandte Texte zweimal zu kopieren und unter dem Vorwand "nicht zum Verlagsprogramm passend" zurückzuschicken, wurde 1995 jedoch geschäftlicher Ernst. Der unmoralische Anfangsgedanke ist seither im Namen des Verlages zementiert.

Auf den Erstling "Cordula killt dich! Oder wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini" von Dietmar Darth folgen erst einmal vier Jahre kreative Pause, bevor es 1999 richtig losging. Seine Bücher eint seither eine bestimmte Form von Humor und Tiefgang, so Sundermeier. Einen linken Gesinnungsnachweis verlange man nicht von den Autoren, das Buch solle vielmehr ein Leseerlebnis darstellen, an das man sich noch nach fünf Tagen erinnert.

Bei aller launigen Gesprächsatmoshäre im Literaturhaus blenden Hehl, Mittelstädt und Sundermeier die stetige Bedrohung durch die Verlagsriesen und deren Maxime "Jedes Buch ist sein eigenes Profitcenter" nicht aus. Der aus Gütersloh stammende Sundermeier gibt zu, eigentlich schon ein Konzern sein zu wollen - wegen der Durchsetzungskraft. Mittlerweile vermutet er aber selbst in solchen Verlagsetagen nackte Panik, weil der Profit immer größer und größer werden müsse. "Die großen Verlage fallen uns entgegen, das gibt Aufwind für die kleinen."

Funktion der Kleinen


Hanna Mittelstädt sieht, dass gerade die schiere Übermacht der Großkonzerne eine selbstbewusste, stetig wachsende Gegenbewegung im Independent-Bereich mit klug gewählten Nischen fördert. Überhaupt erfüllten die kleinen, neugierigen und wagemutigen Verlage eine "Trüffelschwein-Funktion", auf die die Branchen-Riesen angewiesen seien.

Die Sonderausstellung, die den renommiertesten unabhängigen Verlag würdigt, ist bis zum 30. September im Literaturhaus Oberpfalz zu sehen.
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