Es geht um die Frage, wer die Macht hat

Norbert Niemann zählt sich selbst zur Gattung der politischen Schriftsteller. Am Samstag liest er im Literaturarchiv und wird auch auf seine Oberpfälzer Vergangenheit eingehen. Bild: hfz
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
01.07.2015
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Kürzlich erhielt er den renommierten Carl-Amery-Preis. Am Samstag liest Norbert Niemann im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg. Mit im Gepäck hat er allerhand kritische Thesen.

Beim Sommerfest im Literaturarchiv am Samstag, 4. Juli, ab 15 Uhr wird mit Norbert Niemann ein Autor vertreten sein, der sich zur selten gewordenen Gattung der politischen Schriftsteller zählt. Mitte Mai wurde er mit dem Carl-Amery-Preis ausgezeichnet. Mit seiner Preisrede sorgte Niemann für Aufsehen: Dem Zündfunk-Generator auf Bayern 2 waren seine kritischen Thesen über die allseitige Ökonomisierung, die auch nicht Halt macht vor dem literarischen Markt, eine einstündige Sondersendung wert.

Was bedeutet Ihnen der Carl-Amery-Preis?

Norbert Niemann: Das ist der einzige politische Literaturpreis in Deutschland. Carl Amery war ein Autor, der sich selber als Moralist im Voltaire'schen Sinne sah. Das bedeutet nicht, dass er moralisiert, sondern dass er seine Zeit und seine Gegenwart kritisch begleitet. Und so sehe auch ich mein Schaffen als Autor.

Sie haben sich auch für den Bayerischen Rundfunk intensiv mit dem 2005 verstorbenen Fortschrittsskeptiker auseinandergesetzt?

Niemann: Ja, ich habe 2009 so etwas wie ein Update gemacht eines Amery-Essays von 1978, in dem er schon damals sehr präzise schildert, wie die Globalisierung Dörfer und ihre Strukturen zerstört. Amery war ein großer Visionär, der viele Entwicklungen vorausgeahnt hat. Einer, der gesehen hat, dass es immer mehr um Vermarktbarkeit geht und immer weniger um die ländliche Gemeinschaft. In Chieming gab es vor 50 Jahren noch rund 50 Höfe, heute sind nur zwei übriggeblieben.

Sie beklagen, wie sehr auch Schriftsteller mittlerweile dem Diktat übermächtiger Märkte unterworfen sind. Vielleicht ist ja diese Juni-Krise des Jahres 2015 ein guter Anlass innezuhalten und nachzudenken: Wo wären denn in Ihren Augen die Alternativen zum bloßen Ökonomismus?

Niemann: Ich beklage nichts, das ist nicht meine Haltung: Es geht mir nicht ums Jammern. Ich nehme die Position Emile Zolas: J'accuse, ich klage an. Meine These ist: Die Politik und die Autonomie der Menschen werden ausgehebelt vom Diktat übermächtiger Märkte. Was heißt das? Es geht um die Ideologie dahinter. Der kulturelle Raum wird nicht nur von kommerziellen Gesetzen gesteuert, sondern von der Ideologie des ökonomischen Denkens durchdrungen. Man sagt uns, wie Kultur auszusehen hat. Dadurch werden die Grundlagen von Demokratie zerstört.

Wo liegt die Alternative?

Niemann: Ich sage nicht, dass Märkte per se böse sind. Aber: Es geht darum, wer die Macht hat. Mein Vorwurf an unsere Politik lautet, dass sie die Aushöhlung der Demokratie durch die Ökonomie stillschweigend billigt, ihrem Zugriff auf die Macht nichts entgegensetzt. Dazu müsste nicht zuletzt auch dafür sorgen, dass der kulturelle Raum frei bleibt.

In Ihrem aktuellen Roman "Die Einzigen" geht es um Musiker einer Band, die sich als Künstler auf ökonomischen Märkten zu bewähren haben. Welche Rückmeldung erhält denn der marktkritische Romancier Norbert Niemann vom literarischen Markt?

Niemann: Ich habe das zu spüren bekommen während der Entstehungsphase. Es gibt heute einen unmittelbaren Zugriff auf ästhetische Prozesse. Da bekommt man zu hören, dass man sich mit Figuren nicht identifizieren könne. Man wird mit Verkaufskriterien konfrontiert. Kein Einzelfall. Es gibt Verlage, in denen besitzt die Vertriebsabteilung gegenüber den Lektoraten Vetorecht. Das ist es, was ich meinte: Die Ökonomie besetzt und zerstört die künstlerischen Räume. Das heißt aber nicht, dass alle Strukturen im Kulturbetrieb davon betroffen sind. Der ideologische Riss geht mitten durch alle Institutionen. Es gibt überall noch Menschen, für die nicht der ökonomische Schmarren im Vordergrund steht, sondern einfach gute Arbeit.

Wer ein bisschen Ihre Biografie kennt, weiß: Auch Sie haben in einer Band gespielt, und zwar in Ihrer Studentenzeit in Regensburg, bei den "Dieben der Nacht". Kann aus der Erinnerung an diese fernen 80er auch eine Strategie für die Gegenwart erwachsen?

Niemann: Ich denke, dass die Zeiten sehr verschieden sind: Die achtziger Jahre, das waren Punk und New Wave, denen werden heute Ausstellungen gewidmet - da beginnt gerade die Musealisierung. Ich glaube, dass man von Strategien der Vergangenheit nichts übernehmen kann. Man muss sich immer neu überlegen, wo der Hebel anzusetzen ist, es sind immer neue Verkettungen, die man aufstellen muss und die man gleichzeitig brechen muss.

Sie lesen am Samstag in der Oberpfalz. Wie viel wird der Niederbayer Niemann da aus dem oberpfälzischen Teil seiner Biografie zum Besten geben?

Niemann: Es sind natürlich Anleihen drin. Wer in der Szene von damals dabei war - in der Uni-Szene von Regensburg - der wird die eine oder andere Sache schon wiedererkennen. Aber das sind natürlich keine 1:1-Kopien. Da gibt's beispielsweise Männer, die im Roman als Frauen auftreten. Ich bin schon jemand, der versucht, möglichst viel Distanz zu mir, der ich damals war, reinzubringen. Und auch das ist mir ganz wichtig: Dass das, was ich schreibe, nicht zu stark von Subjektivität geleitet wird. Denn dann wird man unkritisch in dem, was man schreibt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.literaturarchiv.de.
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