Esther Dischereit und Ipek Ipekçioglu präsentieren im Literaturhaus eine Text- und ...
"Otello" ohne h als Hörstück

Esther Dischereit und DJane Ipek Ipekçioglu halten mit der Kraft der Literatur dagegen: Gegen die Gewalttaten der Terrorgruppe NSU (Nationalsozialistischen Untergrunds). Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
30.10.2015
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Vorweg das Kritische: Wenn Autorin Esther Dischereit wirklich meint, dass ihr Text über die Verbrechen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund", selbsterklärend ist, dann stimmt das so nicht. Tatsächlich erschließt sich dieses vielstimmige, von ihr als "Klagelied" bezeichnete, Konvolut bei der rund einstündigen Performance, die die 1952 im südhessischen Heppenheim geborene Autorin mit der Berliner DJane Ipek Ipekçioglu präsentiert, nicht aus sich heraus.

Und das liegt nicht allein daran, dass Teile des Textes auch auf Türkisch gesprochen werden - dem Publikum entgleitet bald der rote Faden im Stimmengewirr, man verliert den Überblick, in wessen Rolle die beiden Sprecherinnen gerade geschlüpft sind und dementsprechend auch den Durchblick.

Allein gelassen

Und trotzdem wäre es nun - na, sagen wir mal: grob ungerecht - wenn die Qualität dieses Abends allein daran bemessen würde. Allein an der Klage darüber, dass sich der Zuschauer an diesem Punkt allein gelassen fühlt.

Denn man könnte sich ja beispielsweise - und das trifft genau so auch auf Rezensenten zu - seriös vorbereiten. Oder: Die Künste sind demjenigen gnädig, der über ein gutes Gedächtnis verfügt: Auch die Nachbereitung einer solchen Veranstaltung liefert noch genügend Material, um Verständnislücken zu schließen und so diesem Textmonument doch jene Qualität zuzuschreiben, die es auch verdient.

Freilich hatten Patricia Preuß vom Literaturhaus und Harald Zintl von der mitveranstaltenden Friedrich-Ebert-Stiftung einleitend darauf hingewiesen, dass Esther Dischereit angetrieben wurde von dem Willen, zu verstehen, was Menschen dazu treibt, aus rassistisch motiviertem Hass so weit zu gehen, dass sie bereit sind, andere Menschen zu töten.

Die Autorin, die seit 2012 an der Universität für Angewandte Kunst in Wien als Professorin das Fach "Sprachkunst" unterrichtet, besuchte zu diesem Zweck regelmäßig Sitzungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags. Aus den dabei gewonnenen Eindrücken entstand unter diesem Titel nicht nur das Hörspiel, sondern auch ein Opernlibretto sowie ein Buch in deutscher und türkischer Sprache.

Universelle Gültigkeit

Trotzdem, wichtige Details wie dasjenige, weshalb der im Titel genannte Name, weshalb "Otello" also ohne h geschrieben wird, die erschließen sich erst, wenn man recherchiert. Beispielsweise auf den diesbezüglich sehr aufschlussreichen Seiten von Deutschlandradio Kultur. Der in Berlin ansässige öffentlich-rechtliche Radiosender ist auch Produzent der Hörspielfassung - und begleitet im Mai des vergangenen Jahres die Ursendung unter anderem mit einem Interview. Und dort wiederum erklärte Esther Dischereit, dass sie bewusst diese Schreibung bevorzugt. Warum? "Das ist ein Hinweis darauf, dass es nicht nur diesen einen einzigen Othello gibt - den Shakespeare-Othello. Sein Schicksal ist ein universales, wenn man die Tötung der Desdemona nicht als Eifersuchtsdrama ansieht, sondern als eine Tat, die ein durch Rassismus zutiefst verwundeter schwarzer Mann an seiner weißen Frau verübt; einer Frau, die er über alles liebte."

Und so offenbart sich doch die Kraft, die in dieser Arbeit steckt: Dass Esther Dischereit es gelingt, diesem NSU-Skandal, der aus ganz vielen und haarsträubenden Gründen ein solcher ist und über den ab Dezember ein weiterer Bundestags-Untersuchungsausschuss ermitteln wird, eine Arbeit zu widmen, die mit den Instrumentarien der Literatur und der Hörkunst - ja, die Musik von DJane Ipek Ipekçioglu schmiegt sich atmosphärisch ans Erzählte - mehr als das erreicht, was Journalismus oft nur auf einer rein kognitiven und rationalen Ebene anstrebt. Viel mehr nämlich. Und das ist am Ende dann doch: sehr viel.
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