Gankino Circus im Seidel-Saal
Entfesselt auf der Bühne

Gankino Circus gelang die nahtlose Verschmelzung von westmittelfränkischer Volksmusik mit Balkanfolklore. Simon Schorndanner überzeugte nicht nur mit Saxophon und Klarinette, sondern auch mit seinem Gesang. Bild: cog
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
07.06.2016
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Konzert oder Kabarett? Volks- oder Weltmusik? Kunst oder Spaß? Der Auftritt von Gankino Circus im Seidel-Saal gab auf diese Fragen keine Antworten, sondern war einfach pures Vergnügen.

Im westmittelfränkischen Dietenhofen ist die Welt noch (fast) in Ordnung. Gankino Circus spielen schon in fünfter Generation. Die Gruppe wird immer von den Eltern auf die Söhne vererbt. Heute machen die vier Multiinstrumentalisten Maximilian Eder, Ralf Wieland, Simon Schorndanner und Johannes Sens "Volksmusik, wie man sie bei uns in Dietenhofen macht".

Balkan und Georgien


Oder? Die vier Musiker intonierten eine mazedonische Weise, ihr Ländler wurde allmählich balkanisch und auch Georgien in den Stücken hörbar. Ergänzt wurde diese wilde Mischung durch ein altes Kirchenlied, dessen Text übrigens in Dietenhofen verboten ist: "Ich wünscht, ich wär im Himmel droben".

À la Dietenhofen


Mit Akkordeon, Gitarre, Saxophon, Klarinette, Xylophon, Schlagzeug brachten sie heißen Rock'n'Roll "à la Dietenhofen". Hinreißend war die Vorführung einer Paartherapie mit dem Triangel. Immer wieder gab es atemberaubende Soli. Besonderer Höhepunkt war ein ausführliches Solo auf der westmittelfränkischen Rahmentrommel, das Maximilian Eder zelebrierte.

Er ist zwar eigentlich für das Akkordeon zuständig, aber hier konnte er durch niemanden ersetzt werden. Mit großer Hingabe bearbeitete er die Snaredrum und entlockte ihr unerhörte Töne, als er sie mit seinem Ziegenbart kitzelte.

Die Musik ist großartig, genauso viel Spaß machten die Moderationen. Gruppenleiter Ralf Wieland, der mit Halbglatze und rötlichen Locken fast wie ein Clown wirkte, brachte nicht nur Dietenhofener Flair in den Seidel-Saal, sondern setzte auch seine Kollegen ins rechte Licht.

Simon Schorndanner zum Beispiel, den Arztsohn, der auf der Bühne sehr vornehm wirkte, den kleinen Finger abspreizte, wenn er die Bierflasche zum Munde führte, und keine Miene verzog, wenn er mit sparsamen, präzisen Gesten ein wenig dirigierte, der dann aber eine spektakuläre Tanznummer zeigte. Oder Johannes Sens, den Bäckerssohn, der viel besser Schlagzeug spielt als der zur Trommelgruppe mutierte Frauenbund seiner Heimatstadt.

Finnische Volkslieder


Und natürlich Maximilian Eder, dessen sensible Künsterseele bittere Kränkungen verarbeitet, indem er finnische Volkslieder singt. Davon gab er eine Kostprobe, die die wilden Geräusche der menschenleeren Tundra an den Luitpoldplatz brachte.

Unterwäsche fliegt


Der Saal kochte. Der Schlagzeuger tobte völlig entfesselt über seine Trommeln, das Publikum klatschte, stampfte, johlte. Dann flog ein schwarzer BH auf die Bühne - die Begeisterung kannte jetzt keine Grenzen mehr. Trotzdem war noch eine Steigerung möglich: Bei "Für Mama" in einer radikal modernisierten Interpretation zog Johannes Sens beim Spielen Hemd und Hose aus und ein Fußballtrikot des SV Dietenhofen 09 an. Wahnsinn.

Mit wahren Beifallsstürmen feierten die Besucher im ausverkauften Saal die vier Musiker. Als Rausschmeißer gab es noch die Schnulze "Heimweh", und als das Publikum dann immer noch nicht genug hatte, ein kurzes Gutenachtlied. Der Abend ließ nur einen Wunsch offen: Gankino Circus muss wiederkommen.
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