Gründung der jüdischen Gemeinde Sulzbach vor 350 Jahren
Eine Oase des Friedens

Das Schuhgeschäft von Leopold und Pauline Prager in der Rosenberger Straße 4 um 1910. In diesem Haus befanden sich unter anderem später das Schuhhaus Porisch und die Sport-Alm.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
29.02.2016
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Die letzte in Sulzbach-Rosenberg verbliebene jüdische Familie war die des Viehhändlers David Prager in der Rosenberger Straße 20. Er hatte als Gemeindevorsteher auch die Verhandlungen mit der Stadt wegen des Verkaufs der Synagoge geführt. Die Familie Prager 1932 mit (von links) Sophie, Mutter Klara, Ruth und Martha, die bereits 1934 auswanderten, und Vater David Prager.
 
Schon Mitte des 19. Jahrhunderts verließen immer mehr Juden Sulzbach und wanderten in die USA aus, was diese Anzeige im Sulzbacher Wochenblatt belegt. Bild: Akt Stadtarchiv

Im Wittelsbacher Fürstentum Pfalz-Sulzbach entstand unter Pfalzgraf Christian August "ein Glanzstück echter Aufklärung": Christen beider Konfessionen sowie Juden durften ungehindert ihre Religion ausüben. Vor 350 Jahren stellte der Herrscher am 9. Februar 1666 Feustel Bloch den ersten Schutzbrief aus.

Dies gilt als Gründungsdatum der jüdischen Gemeinde. Stadtarchivar Johannes Hartmann blickt im SRZ-Gespräch auf die reiche jüdische Historie zurück. Für die jüdische Vergangenheit Sulzbachs sind noch immer die Veröffentlichungen und Forschungen des Rabbiners Dr. Magnus Weinberg aus den Jahren 1904, 1912 und 1927 maßgebend. Johannes Hartmann bezieht sich deshalb in seinen Ausführungen auf Weinbergs "Geschichte der Juden in der Oberpfalz".

Toleranz im Zentrum


Zentrale Figur bei der jüdischen Ansiedlung sei zunächst Herzog Christian August gewesen. Geleitet vom Gedanken der Toleranz, führte er 1652 das Simultaneum im Herzogtum Sulzbach ein. Auch der Ansiedlung von Juden stand er positiv gegenüber. Feustel Bloch und dessen Sohn Moses aus Neuhaus (wahrscheinlich an der Pegnitz) erhielten gegen ein Schutzgeld von 50 Gulden den für ein Jahr gültigen Schutzbrief mit Recht zur Niederlassung in Sulzbach.

Ein Jahr später legten die Juden ihren heute noch am gleichen Platz bestehenden Friedhof bei Etzmannshof an, in dem 1668 schon die erste Beerdigung gehalten werden musste, weil Feustel Bloch gestorben war. Wie Hartmann weiter erwähnte, kam 1669 mit Isaak Kohen ben Jehuda Jüdel aus Prag der erste jüdische Drucker nach Sulzbach und begründete somit die bedeutende Drucktradition für Hebraica in der Herzogstadt.

1672 erschien der Wiener Exulant Ahron Fränkel und übernahm die Druckerei. Die ab 1813 Arnstein (heute Möbelhaus Bauer/Bindergasse) genannte Familie besaß die Druckerei bis zu ihrem Wegzug von Sulzbach. Mit der Zahl von rund 1000 gedruckten hebräischen Titeln rangiert Sulzbach hinter Amsterdam (3000), Venedig (2250), Prag (1600) und Wilna (1200) europaweit an fünfter Stelle. "Praktisch jeder Rabbiner kennt noch heute Sulzbach als Druckort", informiert der Stadtarchivar.

Wie Hartmann weiter anmerkte, hatte Pfalzgraf Christian August nicht nur wirtschaftliche Gründe für die Ansiedlung von Juden, sondern auch persönliche. Genauso, wie er sich mit der christlichen Religion und ihren Konfessionen auseinandersetzte, interessierte er sich auch für den jüdischen Glauben.

Hebräische Sprache


Er hatte sogar die hebräische Sprache erlernt und war an der jüdischen Geheimlehre, der Kabbala, besonders interessiert. Um sich mit solchen Themen auseinandersetzen zu können, holte er Christian Knarr von Rosenroth an den Sulzbacher Hof und ernannte 1670 mit Josef Moses Hausen den ersten Rabbiner in Sulzbach, der ihm auch am Hof zu Diensten stand.

Wie in den Unterlagen des Archivs nachzulesen ist, machte die Vermehrung der jüdischen Einwohner von Sulzbach bald gesetzliche Regelungen notwendig. Schon 1670 ersuchten die drei Mitglieder der jüdischen Gemeinde um Erteilung eines formellen Schutzbriefes, wie er in anderen Judengemein- den üblich war. Einen solchen erhielten sie noch nicht, aber eine vorläufige Verfassungsnorm, die folgende Punkte umfasste: ungehinderte Religionsausübung, Han- delsfreiheit, Beschränkung des Zinsfußes auf 6 Prozent bei Darlehen über 50 Gulden, Beschaffung von Fleisch gemäß den religiösen Vorschriften, das Recht, nach Bedarf mit Zustimmung des Stadtrates Häuser zu bauen, Befreiung von Nachsteuer bei Wegzug aus dem Land, Beerdigungen nach dem Zeremonialgesetz, ein Schlichtungsrecht des Rabbiners bei inneren Streitigkeiten und das Recht, bei Todesfällen selbst die Inventur vorzunehmen. 1685 erhielt die Gemeinde ihren ersten offiziellen Schutzbrief. Dieser hatte eine Gültigkeit von zwölf Jahren, wurde aber immer wieder verlängert. Damit war die jüdische Gemeinde rechtlich als eigenständige Körper-schaft anerkannt.

Durch die Konzession vom November 1744 schuf der Sulzbacher Herzog Karl Theodor eine neue Rechtsgrundlage, die bis zum Juden-Edikt von 1813 bestehen blieb. Damit wurden alle jüdischen Angelegenheiten im neuen und nun vereinten Königreich Bayern einheitlich geregelt.

AuflösungEin Verzeichnis der Judenschaft 1676 nennt neun Namen, 1699 sind 15 und 1744 exakt 22 Familien belegt. Im Jahr 1801 liegt der Höchststand der jüdischen Bevölkerung bei 68 Familien, erklärt Archivar Johannes Hartmann.

Das Juden-Edikt von 1813 legte die Höchstgrenze auf 62 Familien fest,1829 sind aber noch 65 Familien mit 330 Personen belegt. Die christliche Einwohnerschaft von Sulzbach umfasste in diesem Jahr 850 Familien. 1842 hielten sich noch 302 jüdische Personen in Sulzbach auf. 1869 nur mehr 157.

In einer Statistik von 1848 wird angegeben: "Der Grund dieser auffallenden Verminderung liegt hauptsächlich in den häufigen Auswanderungen nach Amerika ..." 1856 wurde erstmals die zulässige Höchstzahl von 62 Familien nicht mehr erreicht.1895 wohnten in Sulzbach noch 79 Juden.1904 waren es 56 und 1928 ganze 18. 1933 lebte praktisch nur noch eine jüdische Familie in Sulzbach.

1930 war Schuhhändler Leopold Prager, letzter ordentlicher Gemeindevorsteher, gestorben. Sein Nachfolger war nun Viehhändler David Prager. Ein knappes halbes Jahr nach der Nazi-Machtergreifung hielten sich noch acht Juden in Sulzbach auf, die der Familie Prager angehörten. Sie wanderte in die USA aus.

In der Notariatsurkunde vom 27. Juni 1934 wurde vertraglich festgelegt, dass die Stadt die Synagoge für 1000 Reichsmark übernimmt, sobald die Israelitische Kultusgemeinde aufgelöst war. Am 24. Dezember 1936 stellte der Verband der Israelitischen Kultusgemeinden in München die Auflösungserklärung aus. (oy)
Praktisch jeder Rabbiner kennt noch heute Sulzbach als Druckort.Stadtarchivar Johannes Hartmann


Synagoge, Rabbinat und tägliches LebenIhre Gottesdienste und Zusammenkünfte, so geben die Dokumente des Archivs Auskunft, hielt die Gemeinde zunächst im Hause ihres Gründers Feustel Bloch und seiner Nachkommen ab. 1687 kaufte die Gemeinde von Franz Gundermann ein Häuschen nicht unweit der heutigen Synagoge.

Wegen Baufälligkeit dieses Hauses errichtete der Hoffaktor Jakob Josef dort 1737 eine neue Synagoge. Beim Stadtbrand von 1822 war auch die Synagoge betroffen und brannte nieder. Der Neubau konnte am 31. August 1824 eingeweiht werden. Er galt damals als die vielleicht schönste Synagoge in Bayern. Schon 1991 erkannten Bürgermeister und Stadtrat die Rettung und Wiedererschließung ihrer Synagoge als Zukunftsaufgabe, indem sie die Stadt das Vorkaufsrecht auf die denkmalgeschützte Immobilie sichern ließ. Nach Rückbau und Restaurierung wurde Ende Januar 2013 die Synagoge als würdige Erinnerungsstätte und Ort religiöser Begegnung feierlich eröffnet.

Wie Stadtarchivar Johannes Hartmann im Pressegespräch informierte, genoss der erste Sulzbacher Rabbiner Josef Moses Hausen nicht das Vertrauen der Sulzbacher Juden, weshalb die Regierung in Sulzbach 1673 mit Meir ben Ascher Levi aus Fürth einen neuen Rabbiner ernannte. Er hatte auch noch andere Orte zu betreuen. Erst 1709 bekam die Sulzbacher Gemeinde einen eigenen Rabbiner, den sie sich nur dank der Unterstützung des jüdischen Hoffaktors Jakob Josef aus der Familie der Schwabacher leisten konnte. Die schrumpfende Zahl der Gemeindeglieder im 19. Jahrhundert führte 1854 zur Beendigung des selbstständigen Rabbinats und die Angliederung an Floß. Ab 1896 war für Sulzbach das Rabbinat in Bayreuth, ab 1912 das in Sulzbürg zuständig.

Charlotte Stein aus München, die Schwiegertochter des Sulzbacher jüdischen Lehrers Stein, hatte vom Sulzbach der 20er Jahre ein positives Bild in Erinnerung. In ihren Memoiren schreibt sie: "Das Verhältnis zwischen Christen und Juden war wunderbar. Man brachte sich größte Achtung entgegen, und überall rief schon von weitem Jung und Alt einen Gruß uns zu. Mein Schwiegervater spielte im Gasthaus Sonne Samstagabend Karten mit dem Arzt, dem Apotheker und anderen Lehrern, mit denen ihn eine tiefe Freundschaft verband. Es war eine Oase des Friedens, und ich liebte dieses geruhsame Städtchen innig ..." (oy)
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