Heimat-Hommage auf 500 Seiten

Kultur
Sulzbach-Rosenberg
19.11.2014
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Lutz Seiler, Jahrgang 1963, ist geborener Lyriker: Das hört man sofort, wenn man ihm dabei folgt, wie er auf der Website des Suhrkamp-Verlags in einem kleinen Video seinen auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Roman "Kruso" vorstellt.

Wunderbar verdichtet führt er da innerhalb einer knappen Minute vor, welches Potenzial in den 483 Seiten stecken: "Es geht um die Flucht auf eine Insel. Es geht um eine zärtliche, schwierige Freundschaft. Es geht um einen toten Fuchs, der spricht und Ratschläge erteilt. Es geht um die Literatur und Robinson Crusoe und den Dichter Georg Trakl. Es geht um die ganz und gar fantastische Szene der Saisonarbeiter, der Aussteiger und Ausgestoßenen auf der Insel Hiddensee im Sommer 89. Und es geht um die Geschichte Krusos, der verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Lebens in drei Nächten in die Freiheit zurückzuführen. Kurz gesagt: Worum es eigentlich geht, wäre noch herauszufinden."

Wem das noch nicht Argument genug ist, dem sei das nachfolgende Interview empfohlen, garniert mit dem Hinweis: Auf den Seiten 244/245, da kommt auch Sulzbach-Rosenberg vor! Am Donnerstag, 20. November, 20 Uhr, liest Seiler, auf Einladung des Literaturhauses, aus seinem Roman "Kruso". Und den Abend wird übrigens ein Einheimischer moderieren: Thomas Geiger, ein gebürtiger Sulzbach-Rosenberger, vom Literarischen Colloquium Berlin.

Inwieweit profitiert denn der Romancier Lutz Seiler von jenem Persönlichkeitsanteil, der sich aufs Verdichten versteht?

Lutz Seiler:Zuerst ist der Roman "Kruso" eine Abenteuergeschichte, eine Robinsonade. Das Buch ist klassisch erzählt und hat einen Erzählton, in dem der Leser, das hoffe ich jedenfalls, 500 Seiten lang ganz gut wohnen kann. Dass man auch etwas von Gedichten versteht - vielleicht spielt das eine Rolle, wenn es um Rhythmus und Klang geht. Ich kann am Ende einer Seite noch hören, wie ihr Anfang geklungen hat. Auch in der Prosa möchte man schließlich auf einen bestimmten Rhythmus hinaus, bestimmte Klangfolgen, die einem eingeschrieben sind.

Sie erzählen eine Geschichte, die am räumlichen wie zeitlichen Rand der DDR spielt. 25 Jahre nach dem Mauerfall - wie präsent ist Ihnen Ihr Geburtsland noch?

Seiler: Auch für "Kruso" war es nötig, viel zu recherchieren. Ich habe alles gelesen, was über die Insel Hiddensee greifbar war, auch über die Ostseefluchten von dort nach Dänemark. Vieles von dem, was ich über diese Flüchtlinge, ihren Tod und den Verbleib ihrer Leichen erfahren konnte, war vorher nicht bekannt. Vor allem im Epilog ist diese Recherche festgehalten.

Sie sind ein von Juroren verwöhnter Autor: Auf der Frankfurter Buchmesse wurde Ihnen der Deutsche Buchpreis verliehen. Wie lautet Ihr Geheimrezept?

Seiler:Jeder Preis ist wertvoll, weil er eine Bestätigung bedeutet für die eigene Arbeit. Für einen Lyriker ist ein Preis eine Art Lebensunterhalt - man kann etwa ein Jahr davon leben und in Ruhe schreiben, ohne Existenzsorgen. Ansonsten: Meines Erachtens ist es unmöglich, auf Preise hinzuschreiben. Ein Text wird nur gut, wenn man darin genau das macht, was man will und kann.

Sie selbst stammen aus einer Bergbaugegend und leiten ein Literaturhaus. Da muss Sulzbach-Rosenberg und sein Literaturarchiv für Sie doch fast so etwas wie ein biographisches Paralleluniversum sein?

Seiler:Sulzbach-Rosenberg kommt ja auch nicht zufällig vor in meinem Roman. Ich verstehe das als versteckte Hommage an eine Gegend, die wie meine Ostthüringer Heimat vom Bergbau geprägt war und ist. Und Walter Höllerer war der Begründer des Literarischen Colloquiums in Berlin, das ich als eine Art literarische Heimstätte begreife - die allermeisten meiner Buchpremieren haben dort stattgefunden, auch meine erste größere Lesung.

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Karten für die Lesung mit Lutz Seiler im ehemaligen Kino "Capitol" (Bayreuther Straße 4, Sulzbach-Rosenberg) gibt es unter Telefon 09661/8159590 und per E-Mail info@literaturarchiv.de.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.literaturarchiv.de
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