Interview mit Michael Krüger
"Und manchmal schreibe ich auch!"

"In meinen Erinnerungen nimmt Sulzbach-Rosenberg einen zentralen Platz ein!", bekennt Michael Krüger. Am 26. Februar gastiert der Schriftsteller, vormalige Hanser-Verleger und heutige Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
12.02.2016
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Vor neun Jahren war Michael Krüger (rechts) gemeinsam mit Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino zu Gast im Literaturarchiv. Im Anschluss an ihre Lesung widmeten sich die beiden intensiv der Betrachtung von Fotos von Schriftstellergiganten. Bilder: Geiger (2)

Michael Krüger ist ein Allround-Talent. Auch zwei Jahre nach seiner Pensionierung als Verleger des Hanser-Verlags hat er viel zu tun. Am 26. Februar kommt er nach Sulzbach-Rosenberg. Im Interview verrät er, was ihn mit der Oberpfälzer Stadt verbindet.

Für gewöhnlich bezeichnet man den Status von Menschen wie Michael Krüger als "Unruhestand": Denn der höchst agil wirkende 72-jährige Schriftsteller, der bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren Chef des Hanser-Verlags war, nimmt bis heute eine große Zahl an Aufgaben und Ämtern wahr. Auch darüber hat die Kulturredaktion mit ihm, dem letzten großen Tycoon der Bücherwelt im Vorfeld seines Besuchs im Literaturarchiv gesprochen. Wenn Michael Krüger also am Freitag, 26. Februar, nach Sulzbach-Rosenberg kommt, dann besucht er auch einen Ort, der biographisch eng mit ihm, dem in Berlin Aufgewachsenen und in München Lebenden, verknüpft ist - verband ihn doch schon seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine enge Freundschaft mit dem Gründer des Hauses, mit Walter Höllerer.

Als Hanser-Verleger gingen Sie vor ziemlich genau zwei Jahren in Ruhestand, jetzt sind Sie also nur noch Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Dichter? Oder haben wir was vergessen?

Michael Krüger: Oh, Sie haben leider viel vergessen! Ich bin auch der Präsident der Siemens Musik Gesellschaft, ich bin im Vorstand des Goethe Instituts, ich bin Mitglied in vier Jurys und muss in diesem Jahr rund zweihundert Bücher lesen, ich bin auch im Lyrikkabinett und in vielen anderen Institutionen. Und manchmal schreibe ich auch.

Als Diagnostiker jeweiliger Gegenwarten gehörten Sie schon immer eher zu den Pessimisten - wie schauen Sie denn auf die Aktualitäten des Jahres 2016?

Krüger: Ja, mein Pessimismus hat sich gewissermaßen gelohnt, denn schlimmer kann es nicht mehr werden, oder? Europa zerbricht an der ersten großen Herausforderung, die Rückkehr der Religionen bringt Hunderttausende Tote mit sich, in Amerika haben Vollidioten gute Chancen, Präsident zu werden, und der Hunger ist nicht aus der Welt zu schaffen.

Literarisch sind Sie nach wie vor produktiv - im vergangenen Jahr legten Sie den Erzählband "Der Gott hinter dem Fenster" vor. Darin erzählen Sie auch von Ihrer Kindheit und Erinnerungen an Ihren Großvater. Taugt denn die Nachkriegszeit als ein Schlüssel, um die Probleme unserer Gegenwart anzugehen?

Krüger: Das kann ich schlecht beurteilen. Aber mir scheint, dass viele Probleme dort ihren Anfang nahmen. Westeuropa hat nie einen "positiven" Zugang zu Russland gefunden. Trotz Iwan Turgenjew, Alexander Herzen und Iwan Bunin, trotz dieser russischen Europäer. Und der Roten Armee haben wir auch nicht gedankt, dass sie Hitler Einhalt geboten hat. Dass Russland heute, 25 Jahre nach dem Ende der Mauer, von Gaslieferungen in den Westen abhängig ist, hätte man auch nicht voraussehen können. Auf der anderen Seite: Wir haben durch die über siebzig Jahre Frieden vergessen, dass wir eben noch von deren Gnade abhängig waren. Obwohl Europa heute weltpolitisch ja eher eine untergeordnete Rolle spielt. Es müsste ein Spiel geben, mit dem die Kinder lernen könnten, Prognosen aufzustellen. Alle Prognosen meiner Generation waren falsch.

Mit welchen Erinnerungswellen werden Sie zu rechnen haben, wenn Sie am Ende des Monats Februar den Geburtsort Ihres Freundes Walter Höllerer wiedersehen?

Krüger: Ich freue mich sehr! Inzwischen ist im letzten Jahr ja auch Hans Bender 95-jährig verstorben, ich selber habe die Herausgeberschaft der "Akzente" aufgeben müssen, die nur noch viermal im Jahr erscheint. Die Welt hat sich sehr schnell geändert - ich hoffe, Sulzbach-Rosenberg macht eine Ausnahme!

Das Literaturarchiv ist - wie die Literatur selbst - ein Aufbewahrungsort für Erinnerungen. Kann Sulzbach-Rosenberg auch so etwas wie ein Ort der Inspiration für den Lyriker Michael Krüger sein?

Krüger: Da bin ich mir sogar sicher. Immerhin liegt ja auch ein Teil meines Gedächtnisses im Archiv, nämlich die Petrarca-Preis-Korrespondenz und meine Briefe an Höllerer. Ich weiß noch nicht, wie ich mit meinen Erinnerungen umgehen soll, aber sicher ist, dass Sulzbach-Rosenberg einen zentralen Platz darin einnimmt.

Sie werden lesen - und Sie werden sich den Fragen von Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin stellen. Worauf dürfen die Zuhörer da gespannt sein?

Krüger: Das kommt auf die klugen Fragen von Thomas an. Ich bin jedenfalls auf alles eingestellt.

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Michael Krüger liest aus seinen Erzählungen "Der Gott hinter dem Fenster". Freitag, 26. Februar, um 19.30 Uhr. Moderation: Thomas Geiger, Literarisches Colloquium Berlin. www.literaturarchiv.de

KurzbiografieMichael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf/Sachsen-Anhalt, lebt in München und ist zurzeit Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er war viele Jahre Leiter des Carl Hanser Verlags und Herausgeber der von Walter Höllerer und Hans Bender gegründeten Literaturzeitschrift "Akzente" sowie der "Edition Akzente". Für sein schriftstellerisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Peter-Huchel-Preis (1986), den Mörike-Preis (2006) und den Joseph-Breitbach-Preis (2010). Im vergangenen Herbst ist im Haymon-Verlag der Erzählband "Der Gott hinter dem Fenster" erschienen.
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