Jarolsav Rudis im Literaturhaus
Grammatik der Fäuste

Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudis, der in Prag ebenso lebt wie in Berlin, vermag so charmant über tschechischen Humor zu parlieren, dass man ganz vergisst, dass Vandam, der Protagonist seines neuen Romans "Nationalstraße", ein gewaltbereiter Schläger ist. Bild: peg
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
15.04.2016
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Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudis, der in Prag ebenso lebt wie in Berlin, vermag so charmant über tschechischen Humor zu parlieren, dass man ganz vergisst, dass Vandam, der Protagonist seines neuen Romans "Nationalstraße", ein gewaltbereiter Schläger ist. Bild: peg

Jaroslav Rudis hat seinen Roman "Nationalstraße" bereits 2013 in tschechischer Sprache veröffentlicht. Drei Jahre später, da der Text auch in deutscher Übersetzung vorliegt, liest man ihn bereits mit anderen Augen. Denn angesichts der augenblicklich grassierenden Krisen zeichnet der Text ein ebenso hellsichtiges wie düsteres Porträt eines gescheiterten Vertreters der Wende-Generation.

Eigentlich ist "Nationalstraße", der neue Roman von Jaroslav Rudis (Luchterhand-Verlag), gar kein Roman. Das ist ein Theatertext. Oder vielmehr: ein Monolog. Das düstere Bekenntnis eines Mannes namens Vandam (benannt nach dem belgischen Martial-Arts-Schauspieler Jean-Claude Van Damme, der seinerseits den Spitznamen "The Muscles from Brussels" trägt), der seine selbstherrlich-egomanischen Männer-Weisheiten in einer Kneipe namens "Polarstern" hinauspustet wie eine gut munitionierte 45er-Magnum ihre Patronen: "Ich weiß, der Krieg existiert. Jeder trägt ihn in sich, seit Anbeginn der Zeit. Geschichte der Menschheit ist nichts anderes als Geschichte von Kriegen, Schlachten, Eroberungen und Niederlagen." Da ist einer höchst aggressiv und gewaltbereit - und lässt es sein Gegenüber auch auf unmittelbar-direkte Weise wissen.

Ein Muster-Tscheche


Jaroslav Rudis, Jahrgang 1972, ist bekanntermaßen ein Muster-Tscheche: Im Literaturarchiv war er in den letzten Jahren immer wieder zu Gast - und jedes Mal, wenn er hier ist, schwärmt er von heimischen Wirtshäusern, von Schweinebraten, Knödeln und Bier. Und singt das Hohelied auf seine schriftstellerischen Vorbilder, auf Jaroslav Hasek (den Erfinder des berühmten Soldaten Svejk) und auch auf Bohumil Hrabal. Alle beide waren sie große Wirtshausgänger, und beide holten sich dort ihre Inspiration für das, was sie hinterher aufschrieben. Auch Rudis hat seinen Vandam in der Kneipe kennengelernt: Einen Typen, der einerseits gebildet ist, auch literarisch versiert, andererseits aber vor allem auf die Grammatik der Fäuste und die Sprache der Gewalt setzt.

Die Lesungen im Literaturhaus Oberpfalz sind deshalb immer etwas Besonderes, weil sie viel mehr sind als bloße Wasserglas begleitete Autorenmonologe: Im Gespräch eröffnen sich eigentlich immer neue Perspektiven und überraschende Zugänge zum Gelesenen.

Als Jaroslav Rudis zunächst darauf zu sprechen kommt, dass der Wald für seinen Protagonisten nicht nur mythische Bedeutung hat, sondern am Ende seines Monologs auch eine ganz handfeste - da hakt Patricia Preuß, die Programmchefin vom Literaturhaus, nach: "Hm, wenn dieser Vandam dann auch noch die Gespenster der Vergangenheit vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht, dann hat das ja fast was von Shakespeares 'Macbeth'!" Rudis kratzt sich kurz am Ohr, lächelt, nickt dann immer intensiver und erwidert schließlich: "Ja, das ist gut! Sehen Sie, das muss ich gleich der Regisseurin in Bremen sagen: Vielleicht kann sie diese Idee ja noch für ihre Inszenierung verwerten!"

Auch auf die Bühne


Tatsächlich soll "Nationalstraße" in der nächsten Spielzeit auf die Bühne kommen, und zwar am Theater Bremen, dort also, wo Rudis bereits mit der "Kafka Band" höchst erfolgreich zugange ist. Die Hauptrolle übernimmt übrigens ein eher aufs Komikfach Spezialisierter, einer, der weit weg ist von den 200 Liegestützen am Tag, die die Figur des Vandam so locker hinzulegen vermag. "Aber sechs bis sieben schafft er jetzt schon!", sagt Jaroslav Rudis, lässt seine Augen blitzen - und jetzt wissen alle, was er gemeint hatte, als von "tschechischem Humor" gesprochen hatte.
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