Kabarettabend zum Thema "Armut"
Bettler, Bier und Hirtenrufe

Die Bettler-Big-Band sorgte im LCC mit unkonventionellem Spiel und selten gehörtem Gesang für eine Vergrößerung ihrer Fangemeinde. Bilder: cog (3)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
24.10.2016
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Eckard Henscheid lockte die Zuhörer in den undurchdringlichen Dschungel der Finanzen.

Kabarett? Konzert? Dichterlesung? Informationsveranstaltung? Egal. Der Abend unter dem Motto "Lieber arm dran als Arm ab" war ein voller Erfolg. Bevor es losging, mussten aus dem ganzen LCC Stühle zusammengesucht werden. Trotzdem fanden nicht alle Besucher einen Sitzplatz. Das kunterbunte Programm entschädigte aber für alle Unbequemlichkeiten.

Ein Wohnklo mit Nasszelle ist "Logistik all inclusive": Der Bewohner erspart sich weite Wege, es ist ungeheuer praktisch und vermittelt ein archaisches Lebensgefühl. Demgegenüber muss der Reiche leiden: unter der Qual der Wahl, welches seiner Autos er fahren soll, er darf keine Steuern zahlen, er ist Sklave seines eigenen Geldes. Theo Wißmüller, bei der Diakonie zuständig für Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA), sprach mit Augenzwinkern und satirischer Überspitzung über ein ernstes Thema und machte gerade damit trotzdem deutlich: "Leben im Defizit ist ein ernstes Problem."

Portion Sehnsucht


Tango und Musette spielte das Duo Petico (Peter Schertl und Zico Gradl) auf Akkordeon und Gitarre. Gefühl, Leidenschaft und eine gehörige Portion Sehnsucht machten den Auftritt zu einem besonderen Erlebnis. Die Amberger Laienspielgruppe TS-AM-Gspuit nahm das Publikum mit drei bösen Sketchen mit in den alltäglichen Wahnsinn. Ob Rasenmäherfreuden oder die Infantilität des Kindes beim Brettspiel, die Pointen kamen an.

Sprachliche Kraft, Freude an der Absurdität des Lebens und ein klarer Blick für menschliche Befindlichkeiten, das zeichnet das Werk Eckard Henscheids aus. Der Schriftsteller hat auch die soziale Situation der Menschen im Blick. Das zeigten die beiden Texte, die er vorlas. "Der alte Chinese", ein verdienter Soldat der Revolution, wandert nach Peking, um die Regierung auf die Missstände im Land aufmerksam zu machen, und gerade das Scheitern seiner Mission ermöglicht ihm einen neuen Anfang.

Schafe erfreut


Komplizierte Finanzgeschäfte, die Überbrückung kurzfristiger Liquiditätsknappheit, Zinsen, Mietschulden, ein Großkredit, ein Lottogewinn und der Lohnsteuerjahresausgleich verknäuelten sich in einem Kapitel aus "Die Vollidioten" so haarsträubend, dass alle außer dem Autor den Durchblick verlieren mussten. Die Zuhörer hingen an Henscheids Lippen und versuchten, ihm durch diesen Geld-Dschungel zu folgen, bis schließlich alles in Bier unterging. Großartig.

Begleitet wurde Henscheid von Michl Gölling, gelernter Schriftsetzer, aber Hirte aus Leidenschaft, der schon manches Schaf mit seinen Tönen erfreut hat und auch im LCC die Herde gut bediente. Gölling sammelt und erforscht alte Hirtenrufe, die er dem erschütterten Publikum vorsang und auf dem verwitterten Horn vorblies. Aus schönen alten Lettern hatte er eine "Ode an Sulzbach" gestaltet, die er für 30 Euro anbot. Sofort fand sich ein Käufer, und der Preis konnte der KASA gespendet werden. Der Holzschnitt "Heiterer Hirte" brachte sogar 50 Euro ein.

Zum Toben brachte die legendäre Bettler-Big-Band das LCC. Nicht nur die tiefschürfenden Texte wie "Du musst alles vergessen, was du einst besessen, Amigo, das ist längst vorbei: Hartz IV!" trafen die Zuhörer ins Herz. Die BBB besang die wesentlichen Themen des Lebens wie Bier, Leberkas und Sauerkraut.

Der ungefähr achtstimmige Freistilgesang, die anarchische Besetzung der Band, ungezügelte Spielfreude, all das brachte die nüchternen LCC-Mauern zum Wackeln und die Besucher des Abends zum Tanzen. Die Bettler spielten mit ganzem Körpereinsatz, und, wie Wißmüller betonte: "Die Leber muss am meisten leiden." Es war ein Heidenspaß.

Viele SpendenIn der Pause schauten sich viele Besucher die eindrucksvollen Fotos von Peter Litvai an. Der aus Ungarn stammende Fotograf zeigte Aufnahmen zur Wohnsituation von Menschen mit niedrigem Einkommen. Die vielen Mitwirkenden am Kabarettabend verzichteten zugunsten Bedürftiger auf eine Gage, und auch die Spenden, die gesammelt wurden, kommen über die KASA der Diakonie direkt und ohne Abzug Menschen in akuten Notsituationen zugute. (cog)
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