Kultur-Bus macht Zwischenstopp in Sulzbach-Rosenberg: „Literatur als europäische Muttersprache“
Geballte Ladung an Literaten

Tom Bresemann, Tristan Marquardt, Roland Reichen, Christian Schloyer und Birger Emanuelsen (von links) erörterten auch Aspekte der "Literatur als Muttersprache". Bild: aks
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
11.06.2016
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Von Anke Schäfer

Sulzbach-Rosenberg. Ein ganzer Omnibus voller Dichter auf dem Weg durch Europa korrespondiert bestens mit der Menge Kulturfreunde, die das Literaturhaus Oberpfalz in eine bemerkenswerte Haltestelle verwandeln. Angesichts der geballten Ladung an mitteilungsfreudigen Literaten und gespannten Zuhörern wird die Zeit des Zwischenstopps allerdings schnell knapp.

Bayerische Komponente


Gerne heißt Hausherrin Patricia Preuß die vom Literaturnetzwerk "Crowd" zusammengestellte Abordnung auf dem Podium willkommen. Mit den weiteren Gästen Harald Grill (Wald/Cham), Tristan Marquardt (München) und Christian Schloyer (Nürnberg) gesellt sich zur europäischen auch noch eine bayerische Komponente zum vielsprachigen, abendfüllenden Programm.

Die Aufgabe des europäischen Literaturprojekts ein wenig genauer vorzustellen, bleibt Linda Nadiani vom Berliner Literaturhaus "lettrétage" vorbehalten. Alles in allem touren 100 europäische Autoren zwischen Mai und August 2016 quer über den Kontinent, aufgeteilt jeweils wochenweise in Achter-Busbesatzungen. Teil eins in Sulzbach-Rosenberg steht unter dem thematischen Schwerpunkt "Südosteuropa" und wurde von Harald Grill, Tsvetanka Elenkova und Vladimir Ðurisic bestritten. Während Grill seine in Text festgehaltenen Reiseerlebnisse zwischen der rumänisch-bulgarischen Grenze und der Hauptstadt Sofia präsentiert, trägt die Bulgarin Elenkova vier ihrer Gedichte zunächst in ihrer Muttersprache vor und lobt anschließend die deutsche Übersetzung. Positiv überrascht vom für sie ungewohnten großen Publikumszuspruch, nutzt sie die Gelegenheit für eine zusätzliche tour d'horizont zur aktuellen politischen und kulturellen Lage ihrer Heimat.

Kurze Kostproben


Das Multitalent Vladimir Ðurisic aus Montenegro hat ein langes Gedicht mit dem Titel "Slavia" im Gepäck, das er selbst nur kurz im Original anreißt und ansonsten auf die Effekte der deutschen Fassung vertraut. Zumindest von der Verständigung einfacher haben es da seine Lyriker-Kollegen Christian Schloyer und Tristan Marquardt, die nach der Pause auf der Bühne Platz nehmen. Allerdings muss Letzterer sein Langgedicht aufgrund der fortgeschrittenen Stunde zur Essenz komprimieren.

Ebenfalls nur eine kurze Kostprobe aus seiner Hebammen-Novelle offeriert der norwegische Gast Birger Emanuelsen, dessen naturgewaltiger Stimme man zwar gerne lauscht, aus Verständnisgründen aber ebenso gerne der deutschen Version folgt. Lustvoll mit der Kluft zwischen Hoch- und Schwyzerdeutsch jongliert der Eidgenosse Roland Reichen und erntet für seinen durchaus in der einschlägigen Tradition seiner Heimat stehenden, launig verpackten Abstieg in die Abgründe des Alltags viele Lacher.

Die ursprüngliche Überschrift der Veranstaltung "Literatur als europäische Muttersprache" bildet den Schlusspunkt des "Crowd"-Gastspiels. Zwar bremst das Gebot der englisch-deutschen Zweisprachigkeit ein wenig den direkten Diskussionsfluss, doch das Einigsein im Uneinigsein mag dann doch überrascht haben.

Während Marquardt den funktionierenden europäischen Gedanken in der Kultur im Gegensatz zur aktuellen Tendenz in der Politik herausstellt, plädiert Schloyer vehement für eine Kluften schaffende Literatur: Nicht überbrücken, sondern "Verstehen verunmöglichen", sei das Ziel.
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