Leiterin des Wilhelm-Busch-Museums thematisiert im Literaturarchiv die Wandlung des ...
"Und wenn die Welt voll Teufel wär'"

Gisela Vetter-Liebenow setzte sich bei ihrem Vortrag mit der Frage auseinander, weshalb der einst so kritische "Simplicissimus" im Ersten Weltkrieg zum Propagandainstrument mutierte. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
27.05.2015
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Gisela Vetter-Liebenow, Direktorin des "Museums Wilhelm Busch" nahm sich in ihrem Vortrag "Durch!!" im Literaturarchiv der Fragestellung an, weshalb der 1896 gegründete "Simplicissimus" mit Beginn des Ersten Weltkriegs klein beigab und sich als Organ kaiserlicher Kriegspropaganda andiente.

Die 100. Wiederkehr des Attentats von Sarajewo und die darauf folgende Juli-Krise, die in den Weltkrieg mündete, diese Ereigniskette mit all ihren noch viel fataleren Folgen für das 20. Jahrhundert, sie sorgte die letzten Jahre schon dafür, dass nicht nur die Verlage das Publikum mit Neupublikationen überfluteten. Sondern, dass die Frage nach dem "Wie war das alles nur möglich?" aufs Neue intensiv gestellt wird. Dass die üblichen Verdächtigen - Militärs also sowie Wirtschaftsbosse und imperialistische Politiker - dabei nach wie vor auf der Anklagebank der Historie sitzen, versteht sich von selbst.

Bärendienst

Problematischer freilich wird der Fall, wenn diejenigen, die uns als "die Guten" - die Befürworter und Sachwalter gesellschaftlichen Fortschritts also - im großen Geschichtsdrama die Bühne betreten und sich dabei als unzuverlässige Kantonisten und somit der eigenen Gesinnung einen Bärendienst erweisen. Der "Simplicissimus", eine die Spott-Tradition des 1848er Revolutionsjahres wiederbelebende Satire-Zeitschrift, schickte sich an, die in der kaiserlichen Presselandschaft vakant gebliebene Oppositionsrolle zu übernehmen und sich entsprechend auf dem Feld der Meinungskämpfe ein Quantum Ehre in Gestalt einer Vielzahl von Feinden zu erobern. Nach Konfiskationen und Prozessen bereits im Gründungsjahr 1896 stand das Blatt im Ruf, der "pariserischen Sittenlosigkeit", der "vaterlandslosen Gesinnung", der "schmutzigen Frechheit", der "blinden Hässlichkeitswühlerei" sowie der "Staatsumstürzlerei". Ein respektables Sündenregister also. Das alles schildert Gisela Vetter-Liebenow, die Direktorin des "Wilhelm-Busch-Museums" in Hannover in großer und stupender Ausführlichkeit. Sie berichtet von den Kämpfen des Verlegers Albert Langen gegen Geistlichkeit und andere Vertreter des Obrigkeitsstaates, von der Genialität des "Bulldogen"-Zeichners (des Wahrzeichens des "Simplicissimus") Thomas Theodor Heine und unterstreicht ihre Thesen mit reichlich Bildmaterial.

Monster und Drachen

Mit Nummer 20 vom 17. August 1914 ereignet er sich, dieser Sündenfall der Gegenkultur: Der Krieg geht in die dritte Woche, und unter dem Motto "Durch!!" ziert ein St.-Georgs-Ritter, der die als aggressive Monster und Drachen dargestellten Kriegsgegner der Entente bekämpft, die Titelseite. Dabei wird Luthers Choral "Eine feste Burg ist unser Gott" zitiert: "Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nit so sehr, / es muß uns doch gelingen."

Im Editorial dieser ersten Kriegsnummer steht zu lesen, "daß es in diesen Tagen der deutschen Erhebung eine Kritik der innerpolitischen Vorgänge selbstverständlich nicht mehr gibt". Selbstverständlich. Ist es die Kriegszensur, die eine solche Selbstdemontage verlangte? Explizit wird von der Redaktion solches von der Hand gewiesen. Nein, der "Simplicissimus" hatte sich angesichts des Ausnahmezustands "Krieg" demaskiert - und behielt diesen neuen Kurs mit leichten Abstrichen nicht nur bis zum November 1918, sondern auch während der Weimarer Jahre bei. Ganz selbstverständlich.
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