Lenka Ovcácková stellt ihr Filmdokument „Tiefe Kontraste“ vor
Echt grenzwertig

Kultur
Sulzbach-Rosenberg
19.10.2016
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In den Böhmerwald gebracht habe sie der Philologe und Philosoph Nietzsche, sagt die aus den Weißen Karpaten stammende Lenka Ovcácková. Dort wuchs die Idee zum Filmdokument, das als Rahmenbeitrag zur deutsch-tschechischen Landesausstellung 700 Jahre Kaiser Karl IV. in der Herzogstadt Station machte.

"Tiefe Kontraste" müssen nicht auf ewig unüberwindbar bleiben. In Lenka Ovcáckovás gleichnamigem Film über die Grenzregion Böhmerwald verschmelzen handfeste Schicksale und berückende Bilder zum poetischen Porträt, das im Literaturhaus Oberpfalz großen Eindruck machte.

Grenzen faszinieren sie, bekannte die tschechische Filmemacherin bei der Einführung durch Gastgeberin Patricia Preuß. Lenka Ovcáckovás beruflicher Spagat zwischen Naturwissenschaften und Philosophie darf als Beweis dieser ausgeprägten Leidenschaft gelten.

So wie Lenka Ovcácková fließend zwischen Tschechisch und Deutsch wechselt, erzählten auch die meisten ihrer Interviewpartner im Film zweisprachig - allerdings nicht immer so selbstverständlich. Manchmal habe bei den Grenzbewohnern nur freundliche Hartnäckigkeit geholfen, historisch geprägte Hemmschwellen zu überwinden.

Gerade diesen Schrecken in der Geschichte des Böhmerwaldes räumt die Filmemacherin einen zentralen Platz im ersten Teil ein. Durch die persönlichen Erfahrungen der Befragten erhält das Grauen von Vertreibung und kommunistischer Abriegelung ein Gesicht. Die eindrücklichen Bilder von Häusern und ganzen Dörfern, die zwangsweise dem Verfall preisgegeben wurden, tun wortlos ihr Übriges.

Dass aber noch längst nicht alles hoffnungslos und verloren ist, beweist der zweite Abschnitt, der sich dem neuen Leben rund um das ehemalige Sperrgebiet mit "Ende der Welt"-Charme widmet. Rau ist es immer noch, aber Großstadt-Aussteiger und junge Enthusiasten, die ohne Geld, aber mit viel Tatkraft Verantwortung für ihre alte oder neue Heimat übernehmen, sorgen mittlerweile für bemerkenswerte Impulse. "Das Böse wird durch die Wiederkehr des Guten verdrängt", bringt es ein Tscheche auf den Punkt.

Untermalt von sphärischen Musikinterpretationen eines "Duos Paradiso" und abgesetzt mit einschlägigen Zitaten der Dichter Adalbert Stifter, Johannes Urzidil, Karel Klostermann, Josef Váchal und Johann Peter erreicht Ovcácková ihr Ziel einer fließenden, literarischen Dokumentation scheinbar mühelos.

Fast vergessen ist da der enorme Aufwand, 20 bis 30 einschlägige Werke der Literatur nach dem optimalen Zitat abzusuchen, und 40 Stunden Material auf eine kurzweilige 80-Minuten-Version einzudampfen, "ohne irgendetwas von dem auszulassen, was die Leute mir erzählt haben".

Das Publikum im voll besetzten Literaturhaus zeigte sich tief bewegt von dem außergewöhnlichen Kunstwerk. Vor allem der Dichter Frantisek Klisik, der vom Leben gezeichnet in seiner kargen Küche seelenvolle, sprühende Landschaftslyrik präsentierte, weckte viel Aufmerksamkeit. Genau das wolle er aber gar nicht, berichtete Lenka Ovcácková. Um sich seine Freiheit zu erhalten, verschenkt er seine Werke lieber als sie bei einem Verlag zu publizieren.

Das Böse wird durch die Wiederkehr des Guten verdrängt.Eine Aussage aus dem Film "Tiefe Kontraste"
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