Lesung mit Michael Krüger im Literaturhaus
Der Welt und den Menschen freundlich zugewandt

Michael Krüger (rechts) war wieder einmal Gast im Literaturhaus in Sulzbach-Rosenberg. Den Abend moderierte Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium in Berlin. Bild: Huber
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
29.02.2016
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Von Rudolf Barrois

Sulzbach-Rosenberg. Die Position des unbestechlichen Beobachters, der wie ein Gott hinter einem Fenster alle Dinge sieht, Zusammenhänge durchschaut und Entwicklungen vorausahnt, ist vermutlich die beste, die heutzutage ein Schriftsteller haben kann. Und wenn er, wie Michael Krüger dann das, was er erahnt, erfährt, in wunderbaren Sprachbildern an seine Leser weiter geben kann, in der Hoffnung, beizutragen zu einem neuen Konsens der Vernunft und Humanität, ist er vermutlich glücklich. Krüger war am Freitagabend im Literaturhaus zu Gast und las aus seinem ersten Erzählband "Der Gott hinter dem Fenster".

Ein böses Schicksal


Dieser Gott hinter dem Fenster ist - so hat es den Anschein - kein mächtiger Gott, der, wie ihn die gewaltigen Bilder der Sixtinischen Kapelle darstellen, lenkend eingreift. Ein böses Schicksal, so schreibt Krüger in der Rolle des Ich-Erzählers, hat diesen Gott an seinen Thron gefesselt. Er kann seine Schöpfung nicht mehr korrigieren, schon gar nicht den Menschen, der sich ständig an ihr vergreift. Er kann aber jeden Schritt der Menschen deuten. Und er sieht in jeden Winkel.

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf in Sachsen-Anhalt, gehört ohne Frage zu den deutschen Kulturträgern, die ressortübergreifend, mit genialischen Talenten ausgestattet, Richtung geben können in einer Welt, die den Konsens einer Grundordnung, ohne die es nunmal nicht geht, ohne die es nur noch Chaos und Zerstörung gibt, ständig infrage stellt. Krüger macht es sich in seinem aktuellen Erzählband nicht leicht. Schon einmal hat er zusammen mit seinem Freund Walter Höllerer als Herausgeber der "Akzente" Maßstäbe gesetzt, als galt, Literatur und Kunst als Korrektiv in die gesellschaftliche und politische Entwicklung dieses Landes einzubringen.

Verleger ist Krüger nicht mehr, aber immerhin, wenn auch gegen seinen Willen, wie er sagt, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste mit einer, wie er lächelnd hinzufügt, täglich zweistündigen Schreiboption.

Was er da schreibt, ist die Summe einer langen Erfahrung, auch die eines Lebens, dessen Wurzeln sich aus der Dachkammer der Großeltern herausgewunden haben. Aber diese Wurzeln sind unsterblich. In seiner Erzählung "Das Glasauge" geht er ihnen einmal mehr wieder nach. Der alte Mann, der die Welt nach dem Krieg eben durch dieses Glasauge sieht, hat die Weichen im Leben des Knaben gestellt. Ein Stück deutsches Schicksal obendrein und natürlich Zeitgeschichte, wie sie sich 1945 und danach tausendfach dokumentierte.

Frohgemut und selbstsicher


Die Grunderfahrungen haben aus Krüger gewiss keinen unbekümmerten Sonnyboy gemacht. Frohgemut und selbstsicher wie viele seiner Figuren in den Erzählungen ist er selbst auch. Aber seine Protagonisten scheitern an ihrem Glauben, diese Welt sei eine geordnete. Sie finden sich an einen Punkt wieder, der den Blick freigibt auf ihre Bodenlosigkeit,

An anderer Stelle spricht Krüger davon, dass sich sein Pessimismus gewissermaßen gelohnt hat. Europa zerbreche an seiner ersten großen Herausforderung, die Rückkehr der Religionen bringe Hunderttausende Tote mit sich und in Amerika hätten Vollidioten die besten Chancen, Präsident zu werden. Dass er angesichts solcher Ausblicke an den Erfolg gesellschaftsumwandelnder Kunst glaubt, das ist dann schon wirklicher Optimismus.

Die Sprache, der er sich sein Leben lang verpflichtet fühlt, ist Krügers Heilmittel. Und da ist der Autor und Verleger wieder Optimist, wenn er in der Gegenwartsliteratur, zu der er sich ja selbst zählen darf, eine Rückkehr zu gemeinschaftlichem Zielbewusstsein erkennt. Er selbst, der sich immer wieder wünscht, irgendwohin zurückkehren zu können, ist vorsichtig, wenn es um die Frage geht, ob die Nachkriegszeit als Schlüssel für die Probleme unserer Gegenwart taugen. Krüger fordert aber eine Korrektur im Verhältnis zu Russland. Zu einer Prognose mag er sich nicht aufschwingen, weil er denkt, dass alle Prognosen seiner Generation falsch gewesen sind und überlässt das eben jenem Gott hinter dem Fenster, der sich bislang nicht geirrt hat.

Krüger bleibt als Ich-Erzähler in der Rolle des Beobachters, der Begegnungen, der mit sanfter Melancholie und einem gesunden Stück Komik beschreibt und so ein wahrhaftiges Bild von Zuwendung und Abkehr, von Widerspruch und Harmonie, von Nähe und Distanz als Spielvarianten des menschlichen Lebens zeichnet.
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