Marcel Beyer erhält Georg-Büchner-Preis 2016 – Interview mit Thomas Geiger vom Literarischen ...
Getrennte Sphären kunstvoll vereinen

Kultur
Sulzbach-Rosenberg
29.06.2016
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Sulzbach-Rosenberg/Darmstadt. Der Schriftsteller Marcel Beyer erhält den Georg-Büchner-Preis 2016 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Dabei handelt es sich um die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Beyers Texte, so heißt es in der Begründung der Jury, seien "kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich". Wie diese Vergabe zu werten ist, darüber hat die Kulturredaktion mit Thomas Geiger - einem gebürtigen Sulzbach-Rosenberger - vom Literarischen Colloquium Berlin gesprochen.

Hat Marcel Beyer den Büchnerpreis verdient?

Thomas Geiger: Ja, natürlich hat er ihn verdient! Denn er gehört nicht nur zu den wichtigsten deutschen Autoren, er ist auch ein präziser Diagnostiker unserer Gegenwart, ein brillanter Essayist, und auch ein Lyriker und Opernlibrettist. Somit deckt er die gesamte Palette der Äußerungsmöglichkeiten eines Schriftstellers ab. Er ist umfänglich gebildet, kennt nicht nur die klassische Moderne ganz genau, sondern - und das ist noch immer selten - vielfältige Spielarten der Pop- und der Alltagskultur. Das ist vielleicht sogar seine größte Stärke: dass er die Sphären, die ansonsten oftmals getrennt sind, kunstvoll zu vereinen weiß.

Die Jury lobt auch den Sprachkünstler. Inwieweit profitiert der Romancier vom Lyriker Beyer?

Er ist sicher einer der Autoren, die sehr lange an ihren Stoffen sitzen und bearbeiten. In seinem zweiten Roman "Flughunde" erzählte er 1996 die Nazigeschichte vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung der Schallübertragung und von Tonträgern. So vereinte er in einem völlig neuen Narrativ die aufkommende Technik mit der tödlichen Ideologie und verpackte das auch noch recht souverän in eine Familiengeschichte. Ähnliches gelang ihm in seinem 2008 erschienenen Roman "Kaltenburg", in dem er an einer Figur, die an den Verhaltensforscher Konrad Lorenz erinnert, die Geschichte des Totalitarismus im 20. Jahrhundert erzählte. Der Lyriker Beyer dagegen versteht es, mit Assoziationen über Wörter und Klänge unterschiedlichste Dinge und Realitäten zu kombinieren und den Leser so eine ihm eine bisher fremd gebliebene Weltbetrachtung zu ermöglichen.

Sie kennen Marcel Beyer nicht nur aus seinen Büchern - Sie kennen ihn auch als Menschen. Wie erleben Sie ihn?

Marcel Beyer ist ein immer zu einem Lachen aufgelegter, sehr treuer und angenehmer Freund. Er weiß um seine Stellung als Autor, macht aber darum niemals großes Aufhebens. Er lebt ja als Westdeutscher mit einer Schweizerin in Dresden und als solcher ist er doch recht entsetzt, was Montag für Montag vor seiner Haustür los ist.

Marcel Beyer ist 1965 geboren - und damit relativ jung für einen Preis, der doch meist für ein Lebenswerk verliehen wird ...

Ja: Wann ist das richtige Alter für den Büchnerpreis? 50, das ist doch nicht schlecht! Als Jürgen Becker 2014 die Auszeichnung zugesprochen bekam, da jaulte die Kritik auf: "Ein über 80-Jähriger!" Und als Durs Grünbein ausgezeichnet wurde, da war der damals 33-Jährige vielen Beobachtern zu jung. Nein, es gibt kein richtiges Alter für den Büchnerpreis, aber auch kein falsches! Wir sollten uns freuen, dass wir in Marcel Beyer einen geborenen Autor haben. Und es sollte uns gleichgültig sein, wie alt er ist!
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