P-Seminar des Herzog-Christian-August-Gymnasiums
Menschenfabrik auf der Bühne

Spielleiterin Christina Baumann probt mit den "Fabrikaten" den Gleichschritt im Theaterstück des P-Seminars. Bild: cog
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
30.12.2015
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Auf der einen Seite Menschen, die anspruchslos und vollkommen durchdesignt sind, die nicht denken - auf der anderen Seite jemand, der genau solch willfährige Ware "benötigt" und bestellt: Angebot und Nachfrage. Das P-Seminar Theater des Herzog-Christian-August-Gymnasiums gibt am 8. und 9. Januar im Capitol Einblicke in die "Menschenfabrik".

Mit diesem skurril klingenden Thema setzt sich das P-Seminar-Theater des HCA-Gymnasiums in seinem Stück "Die Menschenfabrik" nach der gleichnamigen Erzählung von Oskar Panizza auseinander.

Eigenständig arbeiten


Im P(rojekt)-Seminar sollen sich Schüler in der Oberstufe des G8 in Zusammenarbeit mit externen Partnern eigenständig mit der Organisation und Durchführung eines Projekts auseinandersetzen. Im Falle des P-Seminars Theater bedeutete dies nicht nur die Stückauswahl bzw. Auseinandersetzung mit und Inszenierung der Textvorlage, sondern auch alles Organisatorisch-Logistische außen herum: Sponsoren-Beschaffung, Plakatdesign, Entwurf der Kostüme sowie des Bühnenbilds, Organisation des Spielorts und mehr. Kunst ist - wie Karl Valentin schon wusste - eben schön, macht aber bekanntlich viel Arbeit.

Die Gruppe unter Leitung von Christina Baumann setzt sich dabei aus Schülern mit unterschiedlichsten Theater- und Bühnenerfahrungen zusammen.

Durch Grundlagenarbeit im Schauspielbereich, einer konzentrierten Arbeit am Text und nicht zuletzt den Proben selbst sind die jungen Erwachsenen - Timothy Battaglia, Alena Dannehl, Alexandra Ertl, Laura Grünewald, Julia Meidenbauer, David Meurer, Tim Winkler und Chiara-Marlen Schiekofer - in den drei Semestern des P-Seminars zu einer homogenen Gruppe zusammen gewachsen. Als Vorlage dient der Gruppe Oskar Panizzas 1890 erstmals publizierte Erzählung "Die Menschenfabrik".

Darin gibt ein Ich-Erzähler seine unglaubliche Geschichte wieder: In unbekannter Gegend verirrt, stößt er in düsterer Nacht auf eine Fabrik. Der Direktor höchstselbst gewährt ihm Einlass und erklärt, dass hier nichts Geringeres als künstliche Menschen produziert werden - "wie man Brot macht".

Neugier und Faszination


Der Besucher schwankt zwischen Neugier, Faszination und Abscheu und argumentiert immer wieder gegen das Handeln des Fabrikdirektors an. Dieser orientiert sich einzig und allein an den "Bedürfnisse[n] des Jahrhunderts": Wo eine Nachfrage ist, ist auch ein Markt - ein Menschenmarkt. Und zwar einer, der die Beschaffenheit der bestellten Ware diktiert: Bitte doch ohne allzu humane Laster wie Ausdünstungen, Eitelkeit oder gar Denkfähigkeit. Völlig verunsichert flieht der Erzähler schließlich aus dem Werk - doch die Paranoia bleibt.

Figuren geklont


Die Umarbeitung des epischen Textes in eine Spielvorlage lieferte der Gruppe zahlreiche Ansatzpunkte, den visionären Charakter und die Aktualität von Panizzas Groteske zu pointieren. So bot es sich an, aktuelle Texte aus so unterschiedlichen Kontexten wie der Ökonomie, der Neurobiologie oder der Philosophie mit einzubeziehen - ob tatsächlich als Textpassage im Stück oder zur Erarbeitung der Rollenbiografien.

Die groß- und auch recht eigenartigen Formulierungen Panizzas werden so immer wieder mit externem Material in Gegensatz gestellt. Auch die Figuren wurden gewissermaßen mehrfach geklont.

"Die Menschenfabrik" in der Inszenierung des P-Seminars wird am Freitag, 8., und Samstag, 9. Januar, im Capitol gezeigt. Beginn ist 20 Uhr, Einlass ab 19.30 Uhr. Karten sind in den Buchhandlungen Dorner und Volkert, die neben vielen anderen Firmen als Sponsoren fungierten, für sieben bzw. vier Euro zu erwerben.

Oskar PanizzaOskar Panizza (1853-1921), der Autor dieser bizarren "Komödie" zwischen Realismus und Phantastik, starb zu einer Zeit, als von Gentechnik oder künstlicher Intelligenz noch keine Rede war.

Panizza wurde angefeindet und blieb lange vergessen. Nach einer kleinen Renaissance in den 1970ern ist er heute aber nur noch wenigen ein Begriff. Dabei weist dieses Enfant terrible der Münchner Moderne, ein überzeugter Anarchist und Atheist, doch einen Regionalbezug auf: Der psychisch labile Autor, selbst Nervenarzt, saß infolge der aufsehenerregenden Verurteilung für seine blasphemischen Provokationen in seiner Groteske "Das Liebeskonzil" (1894) ein Jahr in der Haftanstalt Amberg - eine Zeit der physischen und psychischen Qualen durch Mitgefangene wie Wärter.
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