Rezitations-Konzert „Nathan der Weise“ in der ehemaligen Synagoge
Drei Religionen, eine Familie

Manfred Lehner, Maria Bozenov, Michael Ritz und Paul Axt (von links) nahmen die Zuhörer mit nach Jerusalem an den Hof Sultan Saladins. Bilder: cog (2)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
05.10.2016
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Die Oud, die arabische Kurzhalslaute, erwachte unter Farhan Sabbaghs Fingern zum Leben.

Wie gehen wir mit Menschen um, die aus anderen Ländern kommen und einen anderen Glauben haben? Was geschieht, wenn Menschen nicht selbst nachdenken, sondern zweifelhaften Autoritäten folgen? Schon vor rund 250 Jahren dachten Gotthold Ephraim Lessing und Immanuel Kant über diese Fragen nach.

Die Antworten, die sie damals gaben, sind bis heute brandaktuell. Das bewies das Rezitations-Konzert "Nathan der Weise" in der ehemaligen Synagoge. Im Rahmen der Interkulturellen Woche hatten es die Volkshochschule Amberg-Sulzbach, das Evangelische Bildungswerk, die Katholische Erwachsenenbildung und die Stadt Sulzbach-Rosenberg vorbereitet. Texte aus Lessings großem Toleranz-Drama und aus dem Umfeld seiner Entstehung, dazu Ausschnitte aus Kants Schrift "Was ist Aufklärung", wurden mit Musik ergänzt.

Michael Ritz, Regisseur und künstlerischer Leiter des Rezitations-Konzerts, hatte aus "Nathan der Weise" besonders eindrückliche Szenen ausgewählt, die er zusammen mit Paul Axt, Maria Bozenov und Manfred Lehner vortrug. Die zentrale Szene des Dramas spielten Ritz als Sultan Saladin und Manfred Lehner als Nathan. Der Sultan will wissen, was die wahre Religion sei, und der weise Jude antwortet mit der berühmten "Ringparabel".

Demnach habe Gott die drei großen monotheistischen Religionen so ähnlich gemacht, damit die Menschen die wahre nicht erkennen können. Auch im Drama selbst, betonten die Sprecher, werde mit komplizierten Verwandtschaftsbeziehungen der Personen untereinander dargelegt, dass die drei großen Religionen einer Familie angehörten.

Kant forderte 1784: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Jeder müsse das "verdrießliche Geschäft" des Denkens selbst übernehmen, jeder müsse dazu die Freiheit haben. Bisher lebe man nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, "aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung". Seitdem, stellten die Zuhörer fest, habe sich die Situation nicht wirklich verändert.

Die schwere geistige Kost wurde lebendig und gut verständlich dargeboten. Die Sprecher erfüllten mit durchdachter Artikulation den Text mit Leben. Sehr beachtlich war die Leistung von Axt und Bozenov, die beide einen Migrationshintergrund haben. Sie sind ein Beispiel für gelungene Integration, für Kulturkontakt und gelebte Toleranz.

Das wurde auch in der wunderbaren Musik deutlich. Der Cembalist Andreas Schmidt und die Sängerin Anna Kellnhofer repräsentierten die europäische Musik zur Zeit Lessings, Farhan Sabbagh spielte Al-Oud, die 13-saitige arabische Kurzhalslaute, und die Riqq, die einfellige Rahmentrommel mit fünf Schellenpaaren. In gemeinsamen Stücken mit Cembalo und Riqq, dann auch statt der Trommel mit Laute und Gesang, begegneten sich Orient und Okzident in einem schönen Zusammenspiel. Gerade als Trio verzauberten die Musiker.

Mit Knorr von Rosenroths "Alle Menschen auf der Erden" verwiesen die Musiker auf die in der Herzogstadt seit 350 Jahren verwurzelte Tradition der Toleranz. Arabische Lieder aus Andalusien und sephardische Gesänge auf Spanisch waren ein Beispiel dafür, wie sich die verschiedenen Kulturen gegenseitig befruchten, wenn man für ihre Werte offen ist.

Das begeisterte Publikum in der ausverkauften Synagoge feierte die Sprecher und die Musiker mit stürmischem Applaus.
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