Russlanddeutsches Theater beleuchtet Integration
Frage nach der Identität

Die beiden Schauspieler schlüpften in viele verschiedene Rollen und zeigten sich sehr vielseitig. Da durfte die Tracht als Kostüm natürlich nicht fehlen. Bilder: cog (2)
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
02.05.2016
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In "Mixmarkt - einfach anders" präsentierten Maria und Peter Warkentin vom russlanddeutschen Theater Niederstetten den schwierigen Weg der Integration.

"Über sich selber lachen ist ein Zeichen der Genesung", hieß es in "Mixmarkt - einfach anders". Das Stück des russlanddeutschen Theaters Niederstetten zeigte diese Genesung - das langsame, schwierige, aber schließlich erfolgreiche Ankommen der Russlanddeutschen in ihrer neuen, alten Heimat Deutschland.

"Der Deutsche führt ein deutsches Leben, der Türke ein türkisches und der Russlanddeutsche? Ein gemischtes!". Deshalb war der Titel "Mixmarkt" sehr treffend für die Szenencollage, denn, so erklärten die Schauspieler Maria und Peter Warkentin, in den Russlanddeutschen mischen sich deutsche, russische, kasachische und noch viele weitere Einflüsse.

Die beiden Akteure präsentierten eine bunte Szenenfolge mit Kabarett und Liedern. Zeitlich spannte sich der Bogen von der Abreise aus Sibirien bis heute. Immer stellten sich die Russlanddeutschen die Frage nach ihrer Heimat und nach ihrer Identität.

Deutlich wurde das schon bei der Ausreise. Höchstens 20 Kilo durfte das Gepäck wiegen. Ein ganzes Leben auf 20 Kilo beschränken? Da musste sorgsam ausgewählt werden. Und so verteidigte die Oma ihren schönen, praktischen "Brunztopf" aus Emaille mit Deckel gegen den Schwiegersohn, der ihn in Sibirien lassen wollte. Man weiß schließlich nicht, wie das in Deutschland mit Toiletten ist! Da kann man den Topf bestimmt brauchen! Aber er verschwand schon im ersten Lager.

Viele Fallstricke


Kaum in Deutschland angekommen, lauerten Fallstricke allerorten. Versicherungsagenten stürzten sich auf die Ahnungslosen und schwatzten ihnen Haftpflicht-, Lebens- und Rentenversicherung auf. Diese Szene, in der Peter Warkentin wie ein Geier den Vertreter und auch den verängstigten Neuankömmling spielte, war bitterböse. Unbefangen komisch hingegen war der Auftritt von Maria Warkentin als schon gut integrierte Oma vor dem Mixmarkt. Sie plaudert von den Begegnungen mit der misstrauischen Nachbarin, die sie erst jetzt, wo so viele Flüchtlinge da sind, wirklich als Deutsche wahrnimmt. Sie erzählt von Sprachverwirrung und einem Besuch bei den Lieben in Sibirien. Dort habe sich nichts verändert. Geradezu überwältigt ist sie vom enormen Angebot im russlanddeutschen Supermarkt. Dort gibt es 20 verschiedene Sorten Pelmeni! Selbstgemacht schmecken sie natürlich am besten. Sie kauft eine Mantuschniza, wie sie sie auch in Sibirien hatte, einen Spezialtopf um Manti, asiatische Teigtaschen, zu dämpfen. Vielleicht kann der Geschäftsführer vom Mixmarkt ihr sogar einen neuen "Brunztopf" besorgen?

Düstere Erlebnisse


Die beiden Schauspieler schlüpften in viele verschiedene Rollen, um den langen Weg der Integration aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Dabei waren sie immer überzeugend und beeindruckten mit Glaubwürdigkeit und Wandlungsfähigkeit. Düstere Erlebnisse spielten sie mit einem Augenzwinkern, und bei den komischen Szenen ließen sie immer den ernsten Hintergrund ahnen. Das war hohe Schauspielkunst.

Schließlich stellten sie die Frage: "Was haben wir verloren, was gewonnen?" Die Antwort ist nicht einfach. Die Russlanddeutschen haben sich umorientiert, sie haben Neues gelernt und sind selbstbewusster geworden: "Es gibt kein Zurück mehr." Das Publikum feierte Maria und Peter Warkentin zum Schluss mit stürmischem Applaus.

AnsprachenErna Horn, die sich als Leiterin des Tanzkreises "Von Fremden zu Freunden" für die Integration der Russlanddeutschen engagiert, dankte den Schauspielern für die Darstellung des Schicksals der Russlanddeutschen, denn "über unsere Geschichte wird wenig gesprochen." Dann bat sie Hans-Jürgen Reitzenstein auf die Bühne. Der 3. Bürgermeister sagte: "Wir haben die Integration hier gut geschafft." Grund dafür sei die gelebte Willkommenskultur in Sulzbach-Rosenberg.

"Man darf die Vergangenheit nicht vergessen", schloss Reitzenstein, "denn ohne Vergangenheit gibt es keine Gegenwart und keine Zukunft." (cog)
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