Schicksale und Traditionen in einem Buch
„Literarische Reise durch Europa“

Thomas Geiger betrachtet als Angehöriger des Weltliteraturbetriebs mit Sorge, wie sich Europa unter den Vorzeichen der Krise verändert. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
06.04.2016
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Thomas Geiger ist unser Mann in Berlin: 1960 in Sulzbach-Rosenberg geboren wurde er - ja, die Mauer stand noch - 1988 von Walter Höllerer ans Literarische Colloquium Berlin geholt, wo er heute für das literarische Programm und als Redakteur für die Herausgabe der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" verantwortlich zeichnet.

Sulzbach-Rosenberg/Berlin. Jetzt hat Geiger für den Deutschen Taschenbuchverlag ein Buch zusammengestellt, das 36 Autoren aus fast ebenso vielen europäischen Ländern versammelt. Darin erzählen Schriftsteller vom Leben in ihrem Land, von den Eigenheiten unserer Gegenwart und vom Schicksal einzelner Menschen vor dem Hintergrund großer Umbrüche. "Luftsprünge" bietet einen ganz neuen Blick auf das alte Europa und auf seine Landschaften und Metropolen. Und natürlich auf die Menschen und die Art, wie sie heute leben, leiden und lieben.

Auch wenn die Frage angesichts der politischen Zerrissenheit des europäischen Kontinents vielleicht naiv anmutet: Aber gibt es so etwas wie ein gemeinsames Wasserzeichen, das diese verschiedenen Literaturen ausmacht?

Thomas Geiger: Das gemeinsame Wasserzeichen besteht neben der Tatsache, dass alle ausgewählten Autoren Europäer sind, zum einen in der Qualität der Texte und zum anderen in ihrer Entstehungszeit. Kein Text ist älter als zehn Jahre. Ansonsten ist die Anthologie ja gerade der Versuch die Reichhaltigkeit der europäischen Literaturen zu präsentieren. Als ich aber die Texte ausgewählt hatte, war ich überrascht, wie doch sehr viele politische Texte in das Buch gerieten.

Oder andersherum gefragt: Ist der Wohnort entscheidend dafür, ob sich ein Schriftsteller als Geburtshelfer von Utopien und Träumen versteht - oder ob er sich als stiller Beobachter und Chronist dessen begreift, was ist?

Das andere große Koordinaten-System neben der Entstehungszeit eines Textes ist der Entstehungsort oder besser gesagt die Herkunft des Autors. Ich glaube nicht, dass der Ort entscheidet, ob ein Autor Träumer oder Chronist, im besten Falle ist er eh eine Mischung aus beidem. Aber die politischen Umstände, in denen ein Text entsteht, die schreiben sich ein, in einen solchen Text. Konkret: Die Transformationsgesellschaften in Osteuropa bilden sich doch deutlich in den Texten ab. Ebenso etwa wie die Balkankriege, die thematisiert werden.

Als Beiträger konnten Sie etablierte Kräfte gewinnen - darunter Literaturnobelpreisträger wie Orhan Pamuk, Svetlana Alexijewitsch, Jose Saramogo - aber auch jüngere Semester wie Nico Bleutge oder Jaroslav Rudis. Gab es bestimmte Auswahlkriterien?

Nein, ich wollte eben kein nachvollziehbares Beuteschema. Es war Absicht, Bekanntes neben Unbekanntes zu stellen. Die Grundidee war ein Europäisches Lesebuch zusammenzustellen. Ich will Anregungen zum Weiterlesen geben. Der Lesebuchcharakter spiegelt sich auch in den verschiedenen vertretenen Genres wieder: Gedichte, Prosa, Erzählungen, Essays, ja sogar ein Comic ist vertreten. Ganz bewusst habe ich auch ganz berühmte Namen dabei, aber dass Swetlana Alexijewitsch den Nobelpreis bekommen wird, das war bei Planung des Buches noch nicht absehbar.

Stellen wir uns vor: Ein Astronaut wäre 2008, kurz vor der Weltfinanzkrise, zum Flug ins All aufgebrochen: Wie müsste der sich heute, am Ende seiner Reise, mitten in diesem europäischen Szenario des Missvergnügens fühlen?

Da hab ich natürlich auch keine Antwort, außer dass es vielleicht nicht so klug ist Astronaut zu werden. Fukuyamas These vom Ende der Geschichte war ein großer Unsinn. Mit Völkerwanderungen mit Smartphones als Kompass war so nicht zu rechnen, noch nicht mal, als ich das Buch zusammengestellt habe. Aber ich hatte die Sorge über eine gewisse Europamüdigkeit und dass die offenen Grenzen als so selbstverständlich genommen werden, dass sie wieder bedroht sind. Die Entwicklung der globalen Migrationsbewegung freilich habe ich auch nicht für möglich gehalten.

Es soll nicht zynisch klingen: Aber mit dem wuchtigen Einbruch der Realität in unseren Alltag hat man fast das Gefühl, dass die Zeiten des Abenteuerromans wieder zurückgekehrt sind?

Da die Literatur ja ein langsames Medium ist, werden wir die literarische Beschreibung und Bewältigung dieser Fluchtbewegung erst in ein paar Jahren lesen können. Wir werden uns bestimmt noch sehr viel länger mit diesen Bevölkerungsbewegungen zwischen Arm und Reich, zwischen sicheren und unsicheren Weltgegenden zu beschäftigen haben. Und da sprechen wir noch gar nicht von den vielen unbewohnbaren Zonen, die der Klimawandel erzeugen wird.

In Ihrem Vorwort monieren Sie an einer Stelle das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit. Nun gilt es auch als Binsenweisheit: Krisen sind die Zeiten, die dazu verhelfen, langgehegte Desiderate zu verwirklichen. Wie sähe denn ein solches gesamteuropäisches Forum aus Ihrer, der Sicht des Kenners der Literaturen aus?

Das größte Problem einer europäischen Öffentlichkeit ist die fehlende gemeinsame Sprache. Es gibt hin und wieder eine gemeinsame Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung", von "El Pais", dem "Guardian" und der "Le Monde". Der Fernsehsender Arte ist ja nur zweisprachig, aber das wäre ein Modell für ein öffentlich-rechtliches Fernsehformat über Grenzen hinweg.

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Das Buch "Luftsprünge", herausgegeben von Thomas Geiger (367 Seiten, 16,90 Euro) ist im dtv-Verlag erschienen.
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