Steffen Kopetzky stellte im Literaturhaus Oberpfalz seinen Roman "Risiko" vor
Der riskante deutsche Dschihad

Frappierend führt Steffen Kopetzky in seinem aktuellen Roman "Risiko" am Beispiel einer Episode aus dem Ersten Weltkrieg vor Augen, dass der Begriff "Dschihad" vor hundert Jahren einen ganz anderen Klang in deutschen Ohren entfachte, als dies angesichts des Bedrohungspotentials von Al-Quaida und IS heute der Fall ist. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
15.06.2015
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Ein Novum im Literaturhaus Oberpfalz: Ein Schriftsteller greift bei seiner Lesung erstmal zur historischen Landkarte von Mittelasien und holt dann mit dem Zeigefinger aus, um den Besuchern in einem historischen Crashkurs zu erläutern, worin die Rolle Afghanistans im "Great Game" der Briten im 19. Jahrhundert bestand!

Spiel um die Weltmacht

Also: Um die Konstellation in Steffen Kopetzkys neuem Roman "Risiko" (erschienen bei Klett-Cotta, 24,95 Euro) verstehen zu können, bedarf es tatsächlich gesicherter historischer Grundkenntnisse: Man sollte nicht nur global informiert sein über die verschiedenen Phasen der Weltmachtrolle Großbritanniens in den letzten Jahrhunderten und die besonderen Ausformungen im viktorianischen Zeitalter, nein, man sollte vor allem das Aufeinanderprallen der Interessen des Inselreichs und derer des zaristischen Russlands während der Romanlektüre auf der Rechnung haben. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts nämlich hebt der Kampf zwischen Großbritannien und Russland um die Hegemonie um Afghanistan an, der bald, einem Begriff von Rudyard Kipling folgend, zum "Großen Spiel" ernannt werden sollte. Im 20. Jahrhundert, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, im Oktober 1914 nämlich, da schickt sich in Gestalt der Obersten Heeresleitung das Deutsche Kaiserreich als weiterer Player an, Platz zu nehmen am Pokertisch um die Weltmacht: Berlin verfolgt dabei die Strategie der "revolutionären Infektion" (derselben Logik folgte drei Jahre später die Einschleusung Lenins nach Russland!), um so die Schwächung des britischen Kriegsgegners durch die Begünstigung von Aufständen im Inneren seines Machtbereichs zu erreichen. Gemeinsam mit dem osmanischen Reich setzte man dabei auf eine panislamistisch-dschihadistische Programmatik im asiatischen Teil des englischen Weltreichs! Mit anderen Worten: Zwei der drei großen Schreckgespenster der jüngeren Vergangenheit und unserer Gegenwart, Kommunismus und Dschihadismus, sie haben ihren Ursprung in dieser Risiko-Strategie!

Afghanistan-Experte

Das also sollte man wissen, wenn man sich an Steffen Kopetzkys 720-Seiten-Roman "Risiko" heranwagt - und das erfährt man auch von ihm, ebenso höchstpersönlich wie höchst interessant vorgetragen, als Lesungsbesucher im Literaturhaus in Sulzbach-Rosenberg. Und trotzdem ist damit natürlich nur der äußere Rahmen eröffnet und noch gar nichts gesagt über das, wie es ihm gelingt, von diesem historischen Faktenmaterial ausgehend einen spannenden Roman zu weben. Im Zentrum stehen dabei historisch verbürgte Figuren wie der einer Regensburger Familie entstammende Afghanistan-Experte Oskar von Niedermayer (1885 bis 1948), der in den Jahren 1815/16 eine im Endergebnis erfolglose Expedition nach Kabul anführt, um Afghanistan zum Seitenwechsel zu bewegen - oder fiktive Figuren wie der Münchener Funker Sebastian Stichnote.

Ein Funker als Protagonist - einer also, der Spitzentechnologie zu nutzen weiß, einer, der angeschlossen ist an das weltumspannende Informations- und Datennetz seiner Zeit. Im Gespräch erläutert Kopetzky, dass sein Roman, für den er auch in London und in Istanbul recherchierte und für den er unter anderem die zeitgenössische englischsprachige Presse des mittelasiatischen Raums zu Rate ziehen musste, niemals von seinem Wohnort aus zu schreiben gewesen wäre - ohne die Segnungen des World Wide Web. Nicht nur Online-Bibliotheken hätten ihm den Zugriff auf Quellen erleichtert, auch die Fernleihe der Bayerischen Staatsbibliothek sowie Antiquariate wie ZVAB ermöglichten erst die Lektüre seltener Bücher. In diesem Punkt globaler Vernetzheit ist der Autor also ein später Verwandter seiner eigenen fiktiven Figur, des Funkers Stichnote.
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