Thomas Hettche stellt im Literaturhaus Oberpfalz seinen Preußen-Roman "Pfaueninsel" vor
Das Konventionelle ist das Ungewöhnliche

Mit seinem Roman "Pfaueninsel" erweist sich Thomas Hettche als Avantgardist, der sich auch im Fundus der Geschichte zu bedienen vermag. Beim letztjährigen Deutschen Buchpreis galt er als einer Favoriten, der sich aber schließlich Lutz Seiler geschlagen geben musste. Bild: Geiger
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
03.02.2015
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Das Literaturhaus in Sulzbach-Rosenberg, das ist immer eine Reise wert. Denn die Veranstaltungen dort, die bilden. Und hinterher, nachdem ein Autor seinen neuen Roman in Lesung und Gespräch vorgestellt hat, da weiß das Publikum oft mehr als mancher professioneller Kritiker, der sich mit der bloßen Lektüre des Buchs begnügen musste.

Ganz ungewöhnlich

Als im letzten Sommer Thomas Hettches "Pfaueninsel" erschien, da war bald von Rezensenten-Seite zu hören: Ein solcher Roman, der sei für diesen Autor, der sich doch dem Form- wie auch dem Sprachexperiment verschrieben hat, ganz und gar ungewöhnlich. Ja, es sei sogar so, dass das heutige Maß an Traditionsbewusstsein und Konventionalität im krassen Widerspruch zu dem stehe, wofür man Hettche zu kennen glaubte. Kurz: Hätte man Hettche vor 25 Jahren gesagt, dass er mal so einen Roman veröffentlichen würde, der Mann hätte es bestimmt nicht geglaubt. Wie gut, dass Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin (LCB) auf dieses Thema zu sprechen kommt: Wie lange er denn schon diesen Stoff über eine Insel im Wannsee mit sich herumtrüge? "Seit 1989!", lautet Hettches Antwort. Seit er nämlich als sogenannter "Aufenthaltsstipendiat" (als einer, der noch nichts veröffentlicht hatte also) im LCB am Wannsee zu Gast war und sich dort von der Pfaueninsel begeistern ließ. Damals, im Sommer des Wendejahres, fand er, der Frankfurter Noch-Germanistik-Student, deshalb Zeit dafür, die Gegend zu inspizieren, weil er sein Romandebüt faktisch schon abgeschlossen hatte.

"Nussschalen der Freiheit"

Und auch in Archiven hatte er schon zu recherchieren begonnen. Es war nur so: Den richtigen Ton, den hatte er noch nicht gefunden. Weshalb der Stoff über die Insel, auf der die preußischen Hohenzollern eine Fantasiewelt erschaffen hatten, ein Vierteljahrhundert lang unerzählt bleiben musste. Und erst, als Thomas Hettche gelernt hatte, seine "Angst vorm Märchenton" abzulegen, da hatte er den Kniff gefunden - in welche erzählerische Form er diese Liebe zwischen der kleinwüchsigen Marie Strakon und dem königlichen Hofgärtner und Kastellan Gustav Fintelmann zu gießen musste.

Bücher, das seien "Nussschalen der Freiheit", sagt Thomas Hettche irgendwann später im Gespräch. Und lobt damit nicht nur die Kunst derjenigen, die es verstehen, aus gedruckten Buchstaben solche wunderbaren schmeichlerischen Gegenstände zu schaffen, die der Leser auch gerne zur Hand nimmt (damit meint er natürlich auch völlig zurecht sein von Kiepenheuer & Witsch mit Pfauenfedercover und Lesebändchen ausgestattetes Büchlein!). Sondern bekennt sich auch zu jenem fantastischen Abenteuer, längst vergangene und untergegangene Welten nur mit dem Mittel der Sprache wieder zu errichten. So dass sich dieser Ausflug auf die "Pfaueninsel" auch als Zeitreise durchs gesamte 19. Jahrhundert begreifen lässt.
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