Vage Zukunft für die Waage

Der Stammtisch hat seit Jahren Ruh" - hier sind die Stühle andersrum aufgestellt.
Kultur
Sulzbach-Rosenberg
07.08.2015
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Gleich nach dem Eingang öffnet sich der Blick zum Schanktresen - hier hat jemand eine Vielzahl noch verpackter Kondome hinterlassen - und im Hintergrund zum Gastzimmer.

Staub, Marder-Exkremente, Spinnweben. Kippen im Aschenbecher, Duschgel und ein Waschlappen im Fremdenzimmer, Kondome auf dem Schanktresen. Die Verhüterlis sind noch verpackt, ungebraucht - aber das Haltbarkeitsdatum zeigt: längst abgelaufen. Ebenso wie die Zeit für die Waage in Rosenberg. Das Wirtshaus steht seit 2001 leer. Jetzt hat es die Stadt gekauft.

Was will ein Journalist in einem Wirtshaus, in dem seit Jahren weder Bier gezapft noch der Schweinsbraten aufgetragen wird oder auch kein Kaffee mehr aus Porzellan mit Maxhütte-Emblem dampft? Was gibt es da zu fotografieren? Wen interessiert das überhaupt noch? Bürgermeister Michael Göth runzelte bei der ersten Anfrage zweifelnd die Stirn.

Schließlich aber stimmte er quasi als neuer Hausherr einem Lokaltermin an der Hauptstraße in Rosenberg doch zu. Und der städtische Liegenschaftsverwalter Jürgen Winter drehte tatsächlich für unsere Zeitung den Schlüssel an der dunkelbraunen Holztür um. Damit ist der Blick frei, hinein in längst verlassene Räume.

Drei Könige und Trucker

Ins Auge sticht zunächst die C+M+B-2001-Inschrift, die von den letzten Heiligen Drei Königen kündet, die hier vor über 14 Jahren das Weihrauchfass schwangen. Nicht weit davon entfernt hängt ein Plakat, das auf das 7. Internationale Trucker- und Country-Festival vom 14. bis 16. September 2001 hinweist. Bald darauf gingen in dem Traditionswirtshaus mit seiner über 300-jährigen Geschichte die Lichter wohl für immer aus. Der Wirt erlag den Folgen eines Verkehrsunfalls, die Waage blieb geschlossen.

Bilder von Petra Hartl



Auch wenn die Fenster und ihre Vorhänge mit der Zeit von Staub überzogen und mit Spinnweben garniert sind, die Sonnenstrahlen, die von der Straße hereindringen, sie genügen, um sich umsehen zu können. Im Gastzimmer ist die Uhr am Bierfass auf halb sieben stehengeblieben; während ein Landschaftsgemälde abgehängt ist, haben einige ausgestopfte Greifvögel ihren Platz an der Wand behalten dürfen.

Auf dem Schanktresen liegen verpackte Kondome - Haltbarkeitsdatum 10/2005. Dahinter, in der Vitrine fein säuberlich eingeordnet, Gläser und Krüge, als würden sie auf den nächsten Gast warten. Und ein Aschenbecher mit ausgedrückten Kippen verdeutlicht, dass zu damaligen Zeiten noch kein Mensch an ein Rauchverbot im Wirtshaus gedacht hat.

Säge an der Wand

Wo im Nebenzimmer einst der Kicker stand und der Spielautomat hing, herrscht gähnende Leere, die gepolsterten Stühle und Tische hingegen stehen noch da, als wäre gestern der letzte Tag gewesen. Und die Säge an der Wand dokumentiert, dass hier bei Hochzeiten eine stattliche Zahl von Spießwecken ordentlich aufgeteilt wurde.

Kahl und düster zeigt sich die geflieste Küche, und einladend breit führt die Holztreppe ins Obergeschoss. Im Saal mit Parkettboden sind die Stühle gestapelt, und in den Wagenrädern blühen - fast wie für die Ewigkeit geschaffen - Trockenblumen. Außer der Holzvertäfelung fallen die ausgestreckte Decke einer Wildsau sowie eine ausgestopfte Wildente und ein ebenso präparierter Fasan auf, wie ihn heute kaum noch jemand kennt.

Wie Zinnsoldaten

Ordentlich aufgeräumt kommt der Schrank auf dem Gang daher, mit den sorgfältig zusammengefalteten Tischdecken, wie Zinnsoldaten reihen sich die Schnapsgläser im Regal aneinander, und Kaffeegeschirr mit Maxhütten-Aufdruck belegt, dass dieses Haus und der benachbarte Stahlriesen einst bessere Zeiten gesehen haben. Und als i-Tüpfelchen obendrauf der Bund mit den Schlüsseln wohl für das ganze Gebäude - auch für die Tür hinaus zum Biergarten auf der Terrasse, direkt unterhalb der evangelischen St.-Johanniskirche.

Viele Glasscherben bestimmen hier das Bild ebenso wie der grüne Wildwuchs und der Efeu, der sich am Fels hochrankt. Und ganz so, als hätte eine Hexe hier oben zur letzten Landung angesetzt, lehnt ein völlig zerrupfter Reisigbesen in der Ecke zum früheren Lager.

Ein Stockwerk höher ist aus einem der Gästebetten die Matratze herausgerissen und die kleine Nachttischlampe baumelt am Stromkabel. Im nächsten Zimmer hingegen sind Unterlage, Decke und Kissen fein säuberlich bezogen, auf dem Klo hängt eine volle Rolle Toilettenpapier, Duschgel und Shampoo im Bad vermitteln fast den Eindruck, als würde gleich jemand durch die Tür kommen.


Noch eine Etage höher dominieren in den Privaträumen Blümchentapeten, fast so, als wären die 70er Jahre nie zu Ende gegangen. Vorhänge gibt's keine mehr, dafür aber Teppichböden. Über eine schmale Stiege geht es direkt unter das Dach - und zum Schlusspunkt dieses kleinen Rundgangs.

Wie es mit dem Gasthaus zur Waage weitergeht, weiß bis heute tatsächlich niemand. Nur so viel steht fest: Die Stadt hat die Immobilie erworben hat, um Rosenberg an dieser Stelle neu zu beleben - möglicherweise irgendwann im Zusammenhang mit der ebenfalls verlassenen Videothek auf der anderen Seite der Straße. Ideenreichtum ist gefragt, konstruktive Vorschläge gegenüber Verwaltung und Stadtrat sicherlich auch erwünscht. Schließlich geht es um die Zukunft des Dorfes.
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