Was ein Koffer zu erzählen weiß

Kultur
Sulzbach-Rosenberg
23.06.2015
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Nach der "Blechtrommel" war alles anders - die Veröffentlichung des Romans im Jahr 1959 war ein säkulares, den Adenauer-Mief hinwegfegendes Ereignis! Und Günter Grass war ein Star! Davon erzählt eine kleine Kabinetts-Ausstellung im Literaturhaus.

Als am Vormittag des 13. April die Nachricht eintraf, dass Günter Grass gestorben war, da bedurfte es nur eines vielsagenden Blickwechsels - dann waren sich Michael Peter Hehl und Patricia Preuß einig: "Wir werden ihm, der uns mit seinem 'Pariser Koffer' nicht nur das Gründungsdokument, sondern gleichzeitig eine unschätzbar wertvolle Archivale überlassen hat, eine würdige Ausstellung widmen!" Gut zwei Monate später haben der wissenschaftliche Leiter des Literaturarchivs und seine für das Programm verantwortliche Kollegin ihr Versprechen wahr gemacht: Seit letzter Woche dürfen Besucher (bis 27. September!) im extra eingerichteten Kabinett einen Blick auf die Inhalte jenes braunen Lederkoffers werfen. Dass darin eine frühe, mit Schreibmaschine getippte Version des Jahrhundertromans "Die Blechtrommel" enthalten ist, ist jedem, der schon mal die Dauerausstellung besucht hat, bekannt.

Blechtrommler an der A6

Und viele wissen auch, dass dies der Grund ist, weshalb das Autobahnhinweisschild an der A 6 neben der Fassade des historischen Rathauses auch Oskar Matzerath, den "Blechtrommler" zeigt, jene Kopfgeburt des Günter Grass, die als Protagonist in seinem Opus Magnum auftritt

Daneben aber - und das war bislang dem Auge der Besucher vorenthalten - enthält der Koffer auch ein buntes Sammelsurium an weiteren Lebenszeugnissen. Darunter befinden sich Gedicht- und Dramenentwürfe, Briefe, dazugehörige Umschläge, Übersetzungen traditionellen amerikanischen Liedguts, Fahrkarten, Wohnungsgrundrisse und sogar ein Waschmaschinenprospekt.

Fundstücke allesamt, die ein authentisches Bild jener Situation zeichnen, als Günter Grass in den fünfziger Jahren in Paris im 13. Arrondissement an der Avenue d'Italie lebte und eingewoben war in ein dichtes Netz von Schriftstellerkollegen wie dem Autor der "Todesfuge" Paul Celan oder dem der Beatgeneration zugehörigen Gregory Corso. Gleichzeitig aber vermitteln diese Fundstücke auch ein ebenso differenziertes wie mehrdimensionales Bild von Günter Grass, das auf den ersten Blick so gar nicht dem vom ins Rechthaben verliebten Großschriftsteller der letzten Jahrzehnte entsprechen will.

Da ist beispielsweise in einem Brief vom 15. September 1958, den Luchterhand-Verleger Heinz Schöffler an seinen kommenden Starautor richtet, zu lesen: "Ich verstehe Ihre Zurückhaltung durchaus, und es ehrt Sie und Ihr Werk, daß Sie es ausreifen lassen wollen. Freilich bedaure ich Ihre Entscheidung trotzdem."

Mit einer Spürnase

Man kratzt sich zunächst hinterm Ohr, wenn man dies liest: "Günter Grass, zurückhaltend?" Das konnte er wohl zu jener Zeit auch sein - und er war keineswegs frei von Selbstzweifeln. Gleichzeitig aber war der spätere Nobelpreisträger zu diesem Zeitpunkt auch schon ausgestattet mit jener Spürnase des Selbstvermarkters, der die Mechanismen des Literaturmarkts durchschaute und wusste, was zu tun war, den eigenen Marktwert nach oben zu treiben.

Jedenfalls sollte Grass wenige Wochen später, im November 1958 bei der in Großholzleute im Allgäu stattfindenden Gruppe 47-Tagung mit der Lesung des Anfangskapitels "Der weite Rock" eine solche Sternstunde erleben, dass ihm das anwesende Publikum aus Kollegen und Kritikern, Lektoren und Verlegern zu Füßen lag.
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