Am Ort der ewigen Ruhe

Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist der Davidstern zu finden. Mitunter sind die Inschriften auf den Steinen nicht auf Hebräisch, sondern in deutscher Schrift.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
21.11.2015
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Kurz vor dem Tor hält Dieter Dörner inne. Er eilt zurück zum Auto, holt die Kippa. Ohne die traditionelle jüdische Kopfbedeckung für Männer darf er nicht hinein. An zwei Orten geht man nicht ohne die Kippa. Einer davon ist die Synagoge. Der Friedhof der andere.

Dieter Dörner öffnet das mächtige Tor und betritt ihn, den Ort der ewigen Ruhe. Naturbelassen, das ist er, der jüdische Friedhof in Sulzbach-Rosenberg. Doch das liegt nicht nur daran, dass dort längst niemand mehr beerdigt wird. Vielmehr ist das gewollt, denn dies entspricht den jüdischen Ritualen. Die dort bestatteten Menschen sollen in ihrer Totenruhe nicht gestört werden. Deshalb gehen Juden kaum die Gräber ihrer Vorfahren besuchen.

Dörner geht quer über den Hang, in den hinteren Teil des von einer Mauer umgebenen Areals. Dort befinden sich die ältesten Gräber des Friedhofs, den es seit 1668 gibt und auf dem die letzte Bestattung im Jahre 1936 war. Auffällig ist, dass die Steine ohne Fundament in die Erde kamen, die Gräber keine Fassung haben. "Das war damals üblich", erklärt der Kreisheimatpfleger, der ein immenses Wissen über jüdischen Glauben und Bräuche hat und auch Experte für die Geschichte der Juden in der Region ist. "Jedes Grab wurde nur einmal belegt", erläutert der Amberger. Im 19. Jahrhundert kamen Fundamente und Grabeinfassungen auf.

Die Steine stammten vor allem aus der Region. Die hebräischen Inschriften erledigten christliche Steinmetze nach Vorgaben der jüdischen Religionslehrer. "Da kam es öfters vor, dass sich ein Steinmetz verklopft hat", sagt Dörner. Dies erklärt, warum mitunter Fehler in der hebräischen Schrift zu finden sind. Viele der Buchstaben auf den Steinen sind nur noch schwerlich zu entziffern - Ergebnis der Verwitterung über die Jahrhunderte hinweg. Gräber zu restaurieren, widerspricht dem jüdischen Glauben. Tunlichst vermieden wird, die letzten Ruhestätten anzurühren - die ewige Ruhe der Toten soll nicht gestört werden. Blumenschmuck, Gestecke oder Kränze sucht man vergeblich auf orthodoxen jüdischen Friedhöfen. Vielmehr wächst Gras über die Gräber, "im wahrsten Sinne des Wortes".

Das Messer des Mohels

Dörner deutet auf einen Grabstein, an dem sich drei Symbole befinden, die in der jüdischen Religion eine wichtige Rolle spielen: Schofarhorn, Levitenkanne und Messer des Mohels. Dass alle drei auf einem Grabstein vereinigt sind, sei sehr selten zu finden. Der dort Begrabene war Levit, ein dem Kohanin untergeordneter Tempeldiener (darauf weist die Kanne hin), der das Schofar in der Synagoge blies (dies symbolisiert das Horn) und zudem Beschneider, also Mohel, war, was mit der Abbildung des Messers zum Ausdruck gebracht wurde.

Bei den Inschriften wurden laut Dieter Dörner aus Platzgründen häufig Abkürzungen verwendet. Fast immer zu finden seien zwei hebräische Buchstaben, die für "Hier ruht" stehen. Oder für "Hier liegt begraben". In den sogenannten Lebenssprüchen wird auf den Verstorbenen eingegangen. Bei Männern sind dies häufig ihre Leistungen und ihre sozialen Einstellungen. Bei Frauen ist meist nur von Familiärem die Rede. Auf ihren Gräbern ist häufig der Sabbat-Leuchter als Symbol zu finden. "Dieses religiöse Ritual übernimmt die Frau, sie zündet die Lichter am Sabbat-Leuchter an", erklärt Dörner. "Gelegentlich ist auf Gräbern auch der Löwe als Zeichen der Stärke zu finden", weiß er .

Auf einigen Grabsteinen liegen kleine Steine. Auch dies hat eine spezielle Bedeutung. "Das heißt: Du bist nicht vergessen", merkt Dörner an. Er geht ein Stückchen weiter, zu den Gräbern, die im 19. Jahrhundert angelegt wurden. Er deutet auf ein paar Ornamente. "In dieser Epoche kamen romantisierende Elemente in Mode", weiß der Amberger. Aber auch so manches christliche Motiv findet sich auf jüdischen Grabsteinen: zum Beispiel der gebrochene Baum als Sinnbild für das gebrochene Leben. Auf einem Nürnberger Friedhof hat Dörner sogar die betenden Hände von Albrecht Dürer gesehen.

Keine Urnengräber

Urnengräber sucht man auf israelitischen Friedhöfen vergeblich. Und das hat einen guten Grund: "Es widerspricht dem jüdischen Glauben der Auferstehung, sich nach dem Tod verbrennen zu lassen." Auf den jüngeren Gräbern ist häufig der Davidstern zu finden, "ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert", informiert Dörner. Er weiß auch viel über die Menschen, die hier begraben sind. Seine letzte Ruhestätte hat hier zum Beispiel Bankier Mandelbaum aus Amberg gefunden. Um 1880/90 machte er betrügerischen Bankrott. "Die Zeitung hat eine ganze Woche darüber berichtet. Kein einziges Mal war davon die Rede, dass er Jude war."

Einige der in Sulzbach-Rosenberg begrabenen Männer waren im Krieg: sowohl 1870/71 als auch 1914 bis 1918. Ihre letzten Ruhestätten zeichnen sich laut Dörner durch Bescheidenheit aus, wohingegen es anderswo durchaus Gräber mit heroischen Attributen gibt.

Der gesellschaftliche Stand eines Verstorbenen ist häufig nicht an seinem Grab abzulesen. Manchmal aber schon. Dieter Dörner erzählt von einem Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt. Dort hat der Urvater der Rothschild-Dynastie seine letzte Ruhestätte gefunden. Es ist ein bescheidenes Grab mit Sandstein. "Das Grab seines Enkels hingegen ist ein Mausoleum aus Marmor."

Dieter Dörner geht entlang des Hanges in Richtung Ausgang. Als leise das geschmiedete Tor in sein Schloss fällt, ist der jüdische Friedhof wieder das, was er ist: der Ort der ewigen Ruhe.
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