Anklage bissig, Schorschi nicht

Das passiert der AZ auch nicht alle Tage, dass sie echte Skelettteile von einer Gerichtsverhandlung mitnimmt. Das ist zwar nicht der Originalschädel von Schorschi, aber der Kopf eines anderen Schäferhunds. Damit wollte der Bevollmächtigte der Angeklagten notfalls beweisen, dass Schorschi nicht gebissen habe. Denn dann müssten die Zahnabdrücke im hier grün nachgeschnitzten Fuß des Radlers ganz anders ausgesehen haben, als die mit weißen Stecknadeln markierte, tatsächlich erlittene Wunde von nur 1 x 1 Zentime
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
26.06.2015
1
0

Endlich hat Schorschi Ruh. Der Schäferhund, der schon seit über zwei Jahren tot ist, hat am Donnerstag auch vor Gericht seinen Frieden gefunden. Selbigen hat die Staatsanwaltschaft am zweiten Verhandlungstag mit ihm und seinem angeklagten Frauchen gemacht, indem sie selbst die Einstellung des Verfahrens beantragte.

Dass es dafür Zeit wurde, hatte Richter Gerd Dreßler der Vertreterin der Anklagebehörde nahegelegt, nachdem er diesen Vorschlag schon am ersten Prozesstag vor über zwei Wochen mit Engelszungen unterbreitet hatte (AZ berichtete). Diesmal wurde der Vorsitzende der 3. Strafkammer des Landgerichts noch deutlicher: "Wir bräuchten also einen dritten Verhandlungstag", appellierte er an Dr. Isabel Rupprecht, darauf nach Möglichkeit zu verzichten und schob sinnierend hinterher: "Ich meine, die Kosten ... Mir ist's ja wurscht, aber ist es das wirklich alles wert?"

Neben der Tatsache, dass die 59-jährige Hundebesitzerin mit ihrer Intelligenzminderung per Gerichtsgutachten und Gesetz als "schwachsinnig" gilt (ein Terminus der Rechtsmedizin) und sich daher auch die Frage ihrer Schuldfähigkeit gestellt hätte, arbeitete Dreßler weitere Probleme des Verfahrens heraus. Er erinnerte daran, dass die Anklage der Landkreisbewohnerin im Wesentlichen vorwarf, sie hätte Schorschi einen Maulkorb anlegen müssen. Damit hätte verhindert werden können, dass der Hund im Mai 2013 einen an ihm vorbeifahrenden Radler in den Knöchel biss, wie das die Staatsanwaltschaft schon in erster Instanz vor gut einem Jahr für erwiesen hielt.

Kein Maulkorb verordnet

Die 59-Jährige und ihr Bevollmächtigter, der sie im Prozess vertrat, bestritten diesen Biss und gingen auch deshalb in Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts. Es hatte der Frau wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Geldbuße von 600 Euro und die Kosten des Verfahrens aufgebrummt. Doch selbst wenn man annimmt, dass es diese Attacke, die wohl mehr ein Schnappen als ein fester Biss des Hundes war, gegeben hat, stellte sich für den Richter die Frage: "Wo steht denn", dass Schorschi einen Maulkorb hätte tragen müssen? Behördlich angeordnet war das nicht.

"Das müssten wir hier erst mal erfinden", gab der Vorsitzende ironisch zu bedenken und ließ ferner Zweifel anklingen, dass ein weiterer Vorfall vom September 2012 die Beweis- und Argumentationslage der Staatsanwaltschaft verbessere. Schon damals habe Schorschi in der Öffentlichkeit einen Mann gebissen und deshalb danach einen Maulkorb tragen müssen, so die Sichtweise der Anklagebehörde. Bei genauerer Betrachtung am Donnerstag stellte sich jedoch heraus, dass dieses Verfahren - es wurde eingestellt - wohl andere Gründe hatte, die zu dem ebenfalls nicht heftigen "Schnappen" führten (laut dem damals ermittelnden Polizisten hatte nur die Hose des Opfers ein Loch und am Bein sei ein blauer Fleck zu sehen gewesen, aber keine Bisswunde). Beim Vorbeigehen an Schorschi berührte der Mann wohl das Spielzeug, das der Hund im Maul hatte. Der Rüde meinte offenbar, der Fremde wolle es ihm wegnehmen und schnappte daraufhin zu.

Für das Gericht eher ein sonnenklarer Fall, dass sich Hunde eben so verhalten. Daraus zweieinhalb Jahre später einen Vorwurf zu basteln, der nun in einem anderen Verfahren die Maulkorb-Forderung stützen soll, erschien Dreßler fragwürdig. Auch beim Radfahrer-Vorfall hatte er seine Zweifel, ob die 59-Jährige das angebliche Geschehen hätte vorhersehen können. Immerhin kam der Radler von hinten und sowohl Frauchen als auch Schorschi an der Leine sind bei seinem schnellen Passieren wohl ziemlich "erschrocken".

Selbst die These, dass der Schäferhund generell bissig oder aggressiv gewesen sei, ließ sich am Donnerstag kaum mehr halten. Der Tierarzt und seine Ehefrau, die den Schäferhund zu seinen Lebzeiten unter anderem wegen entzündeter Ohren einige Male behandelt hatten, sagten als Zeugen aus, dass Schorschi selbst bei schmerzhaften Eingriffen eher ruhig und nicht angriffslustig war. Auch im Wartezimmer sei er nie auf andere Hunde oder Katzen losgegangen. Und ein Weiteres widerlegten der Tierarzt und seine Frau, die aus dem nördlichen Landkreis in den Zeugenstand nach Amberg gereist waren: Die Einschläferung von Schorschi im Alter von knapp zwölf Jahren hatte nichts mit einem angeblich veränderten, aggressiven Wesen zu tun. Sondern sie erfolgte nach Erinnerung der Arzt-Gattin aus einem anderen Grund: Schorschis Hinterbeine waren lahm geworden, wahrscheinlich als Folge eines sich schon länger hinziehenden Hüftleidens.

Körperverletzung ade

Dass sich der Prozess nicht länger hinzog und für die Angeklagte und ihren Betreuer zu einem Leiden wurde, ist schließlich der Einstellung zu verdanken. Darauf hatte sich die Staatsanwaltschaft eingelassen, als es darum ging, dass der gebissene Mann vom September 2012 noch als Zeuge hätte gehört werden sollen. Er hätte schon am Donnerstag anwesend sein müssen, hatte aber offenbar wegen des Poststreiks seine Ladung nicht rechtzeitig erhalten. Nun muss er gar nicht mehr kommen. Auch die 59-Jährige nicht, die insofern obsiegte, als dass sie jetzt nicht wegen fahrlässiger Körperverletzung vorbestraft ist. Auch die Kosten des Verfahrens trägt nun die Staatskasse. Und zumindest das scheint kein Schwachsinn zu sein. (Angemerkt)
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7772)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.