Antonius verdrängt Franz Josef

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
27.10.2014
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Der erste evangelische bayerische Ministerpräsident nach dem Krieg kann wie kaum ein anderer über das Spannungsfeld berichten, in dem sich ein christlicher Berufspolitiker bewegt. Dr. Günter Beckstein öffnete am Reformationstag die Tür zu seinem Lebensweg.

Bald sind es 500 Jahre: Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther 95 Thesen zum Ablasshandel an die Tür der Wittenberger Schlosskirche und löste damit die Reformation aus. Zur Vorbereitung des Jubiläums behandelt die evangelische Kirche in der Lutherdekade jedes Jahr ein anderes Thema, 2014 "Reformation und Politik".

Typischer Werdegang

Zum Reformationsfest lud der evangelische Männerbund Sulzbach also den Ministerpräsidenten a. D. und ehemaligen Vize-Präses zum Festvortrag ein. Der Gemeindesaal unter der Christuskirche war voll, auch mit Politikern von SPD, Grünen und FDP. Religion und Politik, begann Beckstein seinen Vortrag, waren nie voneinander unabhängig. Das heutige Verhältnis von Reformation und Politik erläuterte Beckstein anhand seines eigenen Werdegangs.

Schon als Jugendlicher war er kirchlich aktiv, studierte aber nicht Theologie, weil er seinen kindlichen Glauben nicht gefährden wollte. Stattdessen wurde er Rechtsanwalt. Er engagierte sich in der Jungen Union. 1974 wurde er für die CSU in den Landtag gewählt. Seit 1980 war er Berufspolitiker. "Ich wollte ins Innen-, nicht ins Sozialministerium, also dorthin, wo das Spannungsverhältnis am größten ist". Seine Aufgabe als Minister war es, Recht und Gesetz durchsetzen. Bedeutendes Geschenk der Religion an die Politik sei die Idee der Menschenwürde, deren Auswirkung die Gleichberechtigung und der Rechtsstaat sind.

Der Politiker hatte in seinem Büro eine Figur des Heiligen Antonius, der ihm immer sagte, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat. Seinen Antonius nahm Beckstein bei jedem Umzug mit. Als er Ministerpräsident wurde, stellte er ihn an die Stelle, wo vorher die Büste von Franz Josef Strauß stand. Diese musste, zur großen Empörung seiner Parteifreunde, ins Nebenzimmer.

Die Soziale Marktwirtschaft sei von der evangelischen Soziallehre beeinflusst. Denn der Mensch stehe in der Wirtschaftsordnung im Mittelpunkt, nicht die grenzenlose Gier und Kapitalverzinsung. Das Prinzip der Politik, erklärte Beckstein zusammenfassend, seien Toleranz und Respekt, das Wissen, dass auch eine andere Meinung richtig sein kann.

Humorvolle Seitenhiebe

Beckstein, der alte Nürnberger, belebte seinen humorvollen Vortrag mit kleinen Seitenhieben auf die Fürther und Anekdoten. So erfuhren die Zuhörer, dass der überzeugte Protestant tatsächlich eine Wallfahrt nach Altötting gemacht hat, die er gelobte für den Fall, dass der Club nicht absteigt.

Die Zuhörer applaudierten kräftig, und Dekan Karlhermann Schötz, Vorsitzender des Männerbunds, dankte mit 2. Vorsitzendem Andreas Weber dem Ministerpräsidenten a. D. für den sehr persönlichen Einblick in ein Politiker- und Christenleben. "Ihr Vortrag war zugleich auch eine Werbeveranstaltung für die Politik, eine Einladung, sich als Christ in der Politik zu engagieren!"
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