Ausstellung bis Juni in der Synagoge zu sehen
"Ein jeder Stein ist Buch"

"Die Geschichte meiner Stadt und die Gesichter meiner Stadt" beschrieb Dr. Gabriele Zaidyte, gebürtige Vilnenserin und Kulturattaché der Botschaft der Republik Litauen in der Bundesrepublik.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
22.05.2015
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Eine Ausstellung wird gezeigt in deutschen Großstädten, in New York, Buenos Aires und sonst wo auf der Welt. Auch in Sulzbach-Rosenberg, denn die ehemalige Synagoge ist der ideale Platz für "Das jiddische Vilne". Bei der Eröffnung ist der Besucherandrang nicht groß in der Stadt, in der über Jahrhunderte jüdisches Leben eine beachtliche Rolle spielte.

Die Ausstellung "Wilna - Wilno - Vilnius: Das jiddische Vilne" eine "Topographie zwischen Moderne und Mythos" gibt Einblick in eine Kulturregion, über die in Deutschland wenig bekannt ist. Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war vor dem Zweiten Weltkrieg eines der wichtigsten jüdischen Zentren und voller Betriebsamkeit.

Das "Jerusalem des Nordens", so wurde die Stadt genannt, war Mittelpunkt kulturellen, religiösen und politischen jüdischen Lebens, bevor im September 1943 das Massenmorden durch die deutschen Besatzer begann, das drei Viertel der jüdischen Bevölkerung vernichtet hat.

Drei Frauen haben zusammen mit Stadtarchivar Johannes Hartmann die Ausstellung vorbereitet: Die gebürtige Vilnenserin Dr. Gabriele Zaidyte hat in Deutschland studiert, lebt heute als Kulturattachée ihrer Botschaft in Berlin, kennt aber Straßen und Gassen ihrer Heimatstadt, deren viele Namen und Gesichter.

Dr. Elke-Wera Kotowski , wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Moses Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, hat in der Nationalbibliothek in Vilnius den 1930 ins jiddische übersetzten "Zauberberg" von Thomas Mann entdeckt.

Lilia Antipow schließlich, Dozentin für Geschichte Osteuropas an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hat den Kontakt zur Herzogstadt hergestellt.

Bilder der Gassen

Alle drei freuten sich darüber, dass die ehemalige Synagoge einen besonderen Rahmen für die ausgestellten Objekte bietet: große Bilder von den ehemaligen Gassen im Großen und Kleinen Ghetto in Vilne und in den Tischen Texte in Jiddisch und Deutsch, Bücher, Informationen über jiddische Verleger und Übersetzer deutscher Autoren.

"Ein jeder Stein ist Buch" zitiert Dr. Kotowski ein jiddisches Gedicht und weist darauf hin, dass zwischen den beiden Kriegen sehr viele jiddische Bücher in Vilne entstanden seien und zwar nicht nur religiöse, sondern auch profane, Weltliteratur eben wie zum Beispiel Thomas Manns "Zauberberg", aber auch Sigmund Freud oder Karl Marx. In einer Ghetto-Bibliothek in Vilne konnten diese Bücher ausgeliehen werden. Eines der gefragtesten Bücher, so Dr. Kotowski, sei Tolstois "Krieg und Frieden" gewesen, und: "das Lesen half dem geistigen Überleben". Die vielfältigen kulturellen Schätze im "Jiddischland" seien verloren, "Vilne existiert nicht mehr". Die mehr als 1000 Jahre alte Sprache Jiddisch gehe mehr und mehr verloren, werde noch gehört in New York oder Buenos Aires, kaum mehr in Europa, nicht mehr in Vilnius, wo heute wieder rund 2000 jüdische Bürger leben.

3. Bürgermeister Hans-Jürgen Reitzenstein , der in seiner Begrüßung auf die jüdische Geschichte und insbesondere den jüdischen Buchdruck in Sulzbach-Rosenberg hingewiesen hatte, eröffnete dann zusammen mit Johannes Hartmann die Wanderausstellung, die bis zum 17. Juni in der Synagoge zu sehen ist.
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