Barbara Lackermeier und Moritz Katzmair lesen im Literaturarchiv Texte von und über Martin Sperr
Ironie gegen die Anfeindungen des Lebens

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
21.11.2015
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Früher, als der Wunsch nach positiver gesellschaftlicher Veränderung sich noch nicht als so hilflos wie heute erwiesen hatte und als soziale Shitstorms noch "Leserbriefschlachten" hießen und in Regionalzeitungen ausgefochten wurden - in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts also, da ereignete sich zu Landshut in Niederbayern eine ganz besondere Fehde: Weil der aus der Gegend stammende Schriftsteller Martin Sperr - Jahrgang 1944 -als 18-Jähriger bereits mit einem Theaterstück mit dem vieldeutigen Titel "Jagdszenen in Niederbayern" debütiert hatte und damit bundesweit für Aufsehen gesorgte; und weil der Regisseur Peter Fleischmann nach diesem Stoff sechs Jahre später obendrein einen Kinofilm gedreht hatte, da schlug die Nervositätskurve des Publikums aus: "Dieser Film hat uns gerade noch gefehlt!" so tönte es in der "Landshuter Zeitung". "Wenn Sie mich fragen - oder viele andere Leute, die sich noch ein wenig natürliches Empfinden bewahrt haben - dann gibt es nur das Urteil: Dieser Film, dessen sogenannte 'Welturaufführung' kürzlich in Landshut stattfand, ist größerer Kitsch als der kitschigste Heimatfilm."

Kochende Volksseele

Der Herr oder die Dame, die das verfasst hatte und mit einem bloßen "M." unterzeichnet hatte, redete damit zwar offenbar der kochenden Volksseele nach dem Mund und klagte das ein, was wenige Jahrzehnte vorher noch, in den Jahren des Nationalsozialismus "das gesunde Volksempfinden" genannt wurde - traf aber in seinem ästhetischen Urteil sehr präzise neben den Kopf des Nagels. Denn Martin Sperr ging es eben nicht darum, zu verheimlichen und zu verzärteln. Nein, sein Lebensthema war von Anfang an die radikale Ausgrenzung und Aussonderung von Menschen aus der dörflichen Gemeinschaft. Und die hatte er, das unglückliche Lehrerkind, das "zu dick war", das "spielend seine Schule schaffte", "das nicht mit jedem spielen durfte, weil er was Besseres war" - auch am eigenen Leib erfahren.

Gleichzeitig, und das wird in dieser wirklich fantastischen Lesung im Literaturarchiv - die als Begleitveranstaltung zu der im Augenblick gezeigten Martin-Sperr-Ausstellung stattfand - deutlich: Dieser Autor, der schützte sich pfundweise mit Ironie gegen die Anfeindungen des Lebens und seiner Zeitgenossen. Und davon gab es genug, verlor er doch durch eine Gehirnblutung zeitweise sein Gedächtnis. Von all seinen Siegen und Niederlagen legen die beiden lesenden Schauspieler Barbara Lackermeier und Moritz Katzmair ebenso Zeugnis ab wie Ausstellungsmacher Christian Muggenthaler: Der wiederum thront stumm auf der Bühne, vor sich nur einen Plattenspieler.

Zugang zu Privatarchiv

Und weil er Zugang hat zum Privatarchiv des im Jahr 2002 verstorbenen Dramatikers (der ganz nebenbei nur, auch Schauspieler war und als pinkfarben gewandeter Friseur Loisl dem neunundvierzigeinhalbjährigen Monaco Franze die ergrauten Schläfen nachfärbte), legt er Platten auf. Echte Schallplatten, darunter "Rubber Soul" von den Beatles und Konstantin Weckers vor allem jetzt, in diesem Herbst so trostspendendes "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist!"

Das, was man halt so gehört hat, in den späten 60ern und den frühen 70ern, als das Volkstheater durch Figuren wie Martin Sperr eine kraftvolle Erneuerung erfuhr und Bühnen- wie Filmereignisse noch in der Lage waren, Leserbriefschlachten in Regionalzeitungen auszulösen. Obwohl - oder weil? - man noch hoffen durfte: auf bessere Zeiten.
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