Barocker Glanz in der Oberpfalz

Barocke Figuren nehmen bei den Knorr von Rosenroth-Festspielen Sulzbach-Rosenberg ein. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
30.05.2015
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Die Knorr von Rosenroth-Festspiele und ihr "unbekannt-bekannter" Namensgeber: Auch 2015 präsentiert sich Sulzbach-Rosenberg, konkret: die größte Schlossanlage der Wittelsbacher in Nordbayern, wieder als Stätte sommerlicher Musiktheateraufführungen, die in die prunkvolle Barockwelt des 17. Jahrhunderts entführen.

Auf dem Spielplan der Knorr von Rosenroth-Festspiele (10. bis 19. Juli) steht ein geheimnisvolles, erotisch aufgeladenes Verwirrspiel aus der Feder ihres Namensgebers, eines Gelehrten, Staatsmannes und geistigen Kosmopoliten, der weit über seine Zeit hinaus Zeichen gesetzt hat. Heute aber ist sein Name nur noch wenigen Spezialisten gegenwärtig.

Das Gedicht "Morgen-Glantz der Ewigkeit", 1684 in dem anspruchsvollen Andachtsbuch "Neuer Helicon mit seinen Neun Musen. Das ist: Geistliche Sitten-Lieder" erschienen, in etwa 40 Sprachen übersetzt, ist in den bleibenden Liederschatz der Kirche(n) aufgenommen worden. Ursprünglich in der evangelischen Tradition beheimatet, begann im 20. Jahrhundert auch die katholische Rezeption, und heute ist das Lied im "Evangelischen Gesangbuch" (Nr. 450) ebenso zu finden wie im katholischen "Gotteslob" (Nr. 84).

Bildungsreisen

Hingegen ist der Autor der "Morgen-Andacht" der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt: Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689). Der gebürtige Schlesier entstammte einem protestantischen Pfarrhaus, absolvierte ein Studium der alten und neuen Sprachen, der Theologie und der Philosophie in Leipzig, unternahm eine ausgedehnte Bildungsreise durch Holland, Frankreich und England und trat schließlich 1668 in den "Staatsdienst" am Hof des zum Katholizismus konvertierten Pfalzgrafen Christian August von Sulzbach. Hier bekleidete er bis zu seinem Lebensende, zunächst als Kanzleirat, später als Kanzleidirektor, hohe Verwaltungsämter. In dem kleinen Residenzort erlebte Knorr die faszinierende Atmosphäre religiöser Toleranz. Von diesem Geist der praktischen Verständigung unter den Konfessionen, was auch für die jüdische Gemeinschaft in Sulzbach galt, war sein literarisches Werk getragen.

Als Übersetzer und Kommentator bedeutender Werke der europäischen Kulturgeschichte, darunter der "Pseudodoxia Epidemica" (1680) des englischen Arztes Thomas Browne, suchte Knorr den konfessionellen Konflikten, die vielerorts das Heilige Römische Reich deutscher Nation erschütterten, entgegenzuwirken. Auf gelehrte Weise wollte er zur Entideologisierung, mehr noch zur Fortentwicklung humaner Verhältnisse beitragen. In diesem Sinne widmete er sich in der "Pseudodoxia Epidemica" der logisch-rationalen Widerlegung von christlichen Vorurteilen über die Juden, womit er zugleich die theoretische Begründung eines in Sulzbach bereits praktizierten Modells lieferte. Sein Hauptwerk ist die "Kabbala Denudata" (1677 und 1684), eine lateinische Sammlung mittelalterlicher jüdischer Mystik, gedacht als Beitrag zur ersehnten Einheit der Religionen.

Evangelienharmonie

Als sprachmächtiger Denker und Gelehrter, der sich für abendländische Philosophie und jüdische Kabbala, Theologie, Theosophie, ja auch Naturmagie und Alchemie interessierte, der einen Apokalypse-Kommentar und eine Evangelienharmonie verfasste sowie allegorische Schauspiele, das "Conjugium Phoebi & Palladis" (aufgeführt anlässlich der Knorr von Rosenroth-Festspiele 2007) und die "Vermählung Christi mit der Seelen", schrieb, fand Knorr die Beachtung und Anerkennung der europäischen Gelehrtenwelt. Mit den berühmtesten Geistesgrößen seiner Zeit stand er in Verbindung. 1688 besuchte ihn der Universalgelehrte, Philosoph und Wissenschaftsorganisator Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der später über ihn schreiben sollte: "In der deutschen Dichtkunst tun es ihm wenige gleich, aber das ist sein geringster Ruhm."

Das vielfältige Wirken des Christian Knorr von Rosenroth im 17. Jahrhundert wie auch die heutigen Festspiele, die seinen Namen tragen, beweisen eindeutig, dass auch kleine Zentren eine kulturelle Rolle spielen können.

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Das komplette Programm und weitere Infos auf der Homepage www.knorr-von-rosenroth-festspiele.de. Karten unter 09661/510110
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