Brett für andere Seite des Textes

Pädagogin Katka Karl-Brejchová stellte in einer szenischen Lesung eindrucksvoll das Leben und Werk von Bohumil Hrabal dar. Ein kurzes Nickerchen war dazu Pflichtprogramm. Denn: "Ich habe keine Zeit an mich selbst zu denken!" Bilder: hfz (2)
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
03.03.2015
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"Sie tappte mit der Hand an den Spiegel, so wie es kleine Kätzchen taten", erzählte Katka Karl-Brejchová. Sie gastierte mit ihrem Hrabal-Programm "Alles hängt am Gummiband der Perspektive. Die schiefen Welten des Bohumil Hrabal" im Literaturarchiv.

Die Regensburgerin stellte eindrucksvoll die Werke und damit verbunden das Leben von Bohumil Hrabal dar. Hrabal (1914 bis 1997) ist einer der wenigen tschechischen Schriftsteller, dessen Werk Weltruhm erlangte. Passend zur Ausstellungseröffnung "Wer ich bin. Bohumil Hrabal: Schriftsteller - Tscheche - Mitteleuropäer", die es bis 12. April zu erkunden gibt, lud Patricia Preuß, Programmleitung des Literaturarchivs, die fachkundige Frau ein.

"Das große Jahr war zwar letztes Jahr, aber: Jede Zeit ist Hrabal-Zeit!", betonte Preuß. Kurzfristig wurde ihr die Ausstellung zur Verfügung gestellt, was sie dankend annahm.

Aus der Mitte Europas

Die Plakatpräsentation zeigt das Leben und Werk Hrabals anhand von abgebildeten Fotografien, Manus-kripten und Lebenszeugnissen - und natürlich in Verbindung zu seinen Texten und literarischen Figuren und Orten, aber auch Weggefährten. Aus der Mitte Europas heraus reichen Hrabals Texte in die K.-u.-k.-Monarchie zurück, streifen die erste Tschechoslowakische Republik, deren Zerschlagung durch die deutschen Besatzer, um später verwundert und desillusioniert auf die Nachkriegszeit zu blicken. Nach 1968 konnte Hrabal acht Jahre lang überhaupt nicht publizieren, auch später erschienen viele wichtige Texte nur im Samizdat- oder in Exil-Verlagen.

Die Ausstellung ist als Kooperation des Museums der Tschechischen Literatur, Památník Národního Písemnictví (PNP), mit dem Literaturhaus Berlin anlässlich des 100. Geburtstags von Hrabal 2014 entstanden. So alt wäre er geworden, wenn er nicht 1997 die spezifisch tschechische Art des letalen Abgangs gewählt hätte: die "Defenestrace", den Fenstersturz.

Kein guter Schüler

Zurück zur szenischen Lesung: Katka Karl-Brejchová entführte ihre Zuhörer in die Hrabalsche Welt zwischen Stahlwerk und Künstlerkneipe. Hrabal war kein besonders guter Schüler. Wesentlich mehr als für die Schule interessierte er sich für das bunte Geschehen in der Brauerei und für Josef, genannt Onkel Pepin, den Bruder seines Stiefvaters Francin, der "zu Besuch kam und bis zum Tode blieb". Für ihn liegt die Perspektive am Leser: "Manchmal muss er ein Brett hinlegen, um auf die andere Seite des Textes zu gelangen", erklärte Pädagogin Karl-Brejchová schmunzelnd.

Hrabal war ein großer europäischer Autor, der stets auf der Kippe des Lebens stand, zwischen Lachen und Weinen, Schönheit und Entsetzen. Er gab dem Surrealismus eine erdig-alltägliche Note und machte aus der banalen Kneipengeschichte etwas besonderes. "Der Himmel ist nicht human und ein Mensch, der was auf dem Kasten hat, kann auch nicht human sein", so die aus Domažlice stammende Lektorin weiter. Diese und viele weitere literarische Texte verkörperte sie in einer fulminanten Lesung.
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