Christen nach dem "Höllenstreit"

Dr. Volker Wappmann faszinierte bei seinem Referat die Zuhörer im Gasthaus "Zur Landkutsche". Er sprach über das religiöse Umfeld in der Zeit Christian Augusts. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
28.10.2014
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Seit 2007 hat sich Sulzbach-Rosenberg in den Kreis der bayerischen Festspielorte eingereiht. 2015 steht das barocke Knorr-von-Rosenroth-Ereignis wieder bevor. In der "Landkutsche" stellte ein Historiker im Vorfeld nun eine spannende These zu den beiden Kirchen im 17. Jahrhundert auf.

Die Existenz evangelischer und katholischer Kirchengemeinden in der nördlichen Oberpfalz verdanken wir dem "Höllenstreit" innerhalb der jüdischen Religion: Diese These untermauerte der bekannte Historiker und Theologe Dr. Volker Wappmann, der sich mit der Gründung jüdischer Gemeinden im 17. Jahrhundert im Fürstentum Pfalz-Sulzbach beschäftigte.

Bewusstsein fördern

In Vorbereitung der Knorr-von-Rosenroth-Festspiele 2015 wolle man Geschichtsbewusstsein für das Zeitalter des Barocks fördern, hob Peter Geiger vom Organisationsteam hervor. Um dieses Thema mit Substanz zu füllen, habe man für die Veranstaltung eines der ältesten Wirtshäusern Sulzbachs ausgewählt - die "Landkutsche".

Das Thema Judentum sollte man nicht nur durch die Brille der Verfolgungen sehen, forderte Dr. Volker Wappmann einleitend auf. Denn dagegen stehe der ungeheure Reichtum und Glanz dieser Religion wie auch die Zusammenarbeit von Juden- und Christentum im Fürstentum Pfalz-Sulzbach zu Zeiten von Pfalzgraf Christian August.

Vor dem traurigen Ende der jüdischen Gemeinden in Sulzbach und Floss, für das die Gesetzgebung des bayerischen Staates im 19. Jahrhundert verantwortlich war, hatten diese beiden Gemeinden im 17. und 18. Jahrhundert eine glanzvolle Vergangenheit. Glanzvoll deshalb, weil diese Gemeinden nicht zu vergleichen seien mit der Geschichte anderer jüdischer Gemeinden zur selben Zeit.

So sei es den christlichen Gemeinden wie in Regensburg oft gelungen, das Judentum aus den Städten vollkommen zu verdrängen, um wirtschaftliche Konkurrenz los zu werden. Folge davon war die Entstehung des sogenannten "Landjudentums", das durch schwunghaften Handel Geld verdiente und damit kleine und kleinste Dörfer wirtschaftlich in die Höhe brachte.

Seltsamer Fremder

"1648, nach Ende des Dreißigjährigen Krieges, stand Pfalzgraf Christian August nicht nur vor einem zerstörten Land, sondern auch vor der Frage, wie die beiden christlichen Konfessionen zu versöhnen seien, ohne eine Konfession zu vertreiben, wie es sonst zu dieser Zeit üblich war", bemerkte der Experte.

1651 tauchte in Sulzbach ein seltsam gekleideter Fremder mit holländischen Akzent auf, den viele fälschlicherweise für einen Juden hielten. Doch versteckte sich der Freigeist Franz Merkurius unter einem katholischen Gewand. In der Jugend hatte sich der neue Gast, einziger Sohn des belgischen Philosophen und Alchemisten Johann Baptist van Helmont, viel in Amsterdam aufgehalten, schon damals Stätte großer Freiheit. Dort erlebte Helmont einen erheblichen Streit zwischen Juden. Hintergrund war die Vertreibung von Juden durch die "Katholischen Könige" von Spanien und Portugal. Während sich ein Teil der Juden auf Wanderschaft begab, ließ sich ein anderer Teil taufen, um nach außen als Christen zu erscheinen. Diese Täuschung gelang jedoch nicht allzu lang.

Helmont zog nach diesem Streit einen Schluss: Die "Ewigkeit der Höllenstrafen" besudele die Ehre Gottes und treibe die Menschheit in den Atheismus. Niemand müsse in der Hölle schmoren, nur weil er der "falschen" Religion angehöre. Dies teilte er dem Pfalzgrafen Christian August mit. Dieser wiederum erließ im Mai 1651, wenige Tage nach dem Gespräch, ein Aufenthaltsrecht und ein Handelsrecht für Juden im Fürstentum. Ein Jahr später folgte die Einführung des Simultaneums zwischen Katholiken und Protestanten. "Einzig und allein dem sogenannten Höllenstreit ist es zu verdanken, dass es seit Jahrhunderten in der nördlichen Oberpfalz evangelische und katholische Christen gibt", zeigte sich der Theologe Dr. Wappmann überzeugt.

Auch wurde mit dieser Politik die Voraussetzung für die Gründung jüdischer Gemeinde im Fürstentum geschaffen. Einfluss auf die weitere Entwicklung übte ebenfalls Christian Knorr von Rosenroth aus, der 1667 im Fürstentum auftrat (Schöpfer des evangelischen Kirchenliedes "Morgenglanz der Ewigkeit"). Der Jurist, nach dessen Meinung die Weltgeschichte "wie nach einem Fahrplan" ablaufe, verwarf die Verfolgung der Juden. Stattdessen wollte er ihnen Gutes tun und sie auffordern, von der Liebe der Christen bewegt, zum Christentum überzutreten.

Jüdische Druckerei

Knorr von Rosenroth war überzeugt, dass Christentum und Judentum sich nicht widersprächen. Er brachte den Landesherrn dazu, neben der lutherischen und einer reformierten Druckerei in Sulzbach eine jüdische Druckerei zu errichten, in der zu Beginn des 18. Jahrhundert der berühmte Sulzbacher Talmud, aber auch unzählige andere Schriften gedruckt wurden. Damit sollen die Leser überzeugt werden: Christen und Juden stünden sich nicht ferne. Zu Recht spreche man von der jüdisch-christlichen Tradition des Abendlandes.
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