Das einzigartige Erbe von Grass

Günter Grass verewigte sich bei seinem Besuch im Dezember 2003 auch auf dem Weltei von Walter Höllerer. Mit diesem verband eine tiefe Freundschaft. Jahrzehntelang standen sie in regelmäßigem Briefkontakt. Dies belegt auch der Nachlass Walter Höllerers, den das Literaturarchiv bekommen hat. Archivbild: Huber
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
14.04.2015
31
0

Das Literaturarchiv hat montags geschlossen. Wissenschaftlicher Leiter Michael Peter Hehl war gestern trotzdem ein gefragter Mann - nach dem Tod von Günter Grass. Denn die Einrichtung im ehemaligen Amtsgericht verfügt über das einzige Typoskript der berühmten "Blechtrommel".

Literaturwissenschaftler, die sich mit Günter Grass und insbesondere mit seinem Werk "Die Blechtrommel" befassen, für das er 1999 den Nobelpreis erhalten hat, kommen an Sulzbach-Rosenberg nicht vorbei. Im Literaturarchiv befindet sich ein Koffer aus dem Besitz des Schriftstellers, der die auf Schreibmaschine getippte Version der "Blechtrommel" und Zeichnungen des Mannes enthält, der eigentlich bildender Künstler werden wollte. So war vor ein paar Jahren Volker Neuhaus hier, der die neueste Biografie über Grass geschrieben hat.

Ein Koffer aus Paris

Michael Peter Hehl erzählt, wie es dazu kam, dass der Koffer und das Typoskript ausgerechnet in Sulzbach-Rosenberg landeten: Ausgangspunkt ist die Freundschaft von Günter Grass und der aus Sulzbach-Rosenberg stammende Literaturwissenschaftler Walter Höllerer, die seit Mitte der 1950er Jahre bestand.

1958 zog der in Danzig geborene Schriftsteller von Paris nach Berlin, wenig später erschien "Die Blechtrommel" - und verhalf Grass zu Weltruhm. Ein Journalist, der sich Anfang der 70er Jahre auf Spurensuche begab, fand in Paris besagten Koffer, den Grass dort wohl vergessen hatte. Für die "Blechtrommel", die Günter Grass auf der Schreibmaschine zu Papier brachte, benutzte er ein blaues Farbband. "Handschriftliche Anmerkungen sind kaum zu finden, wenn, dann handelt es sich um kleinere orthografische", erklärt Hehl. Wer immer sich mit Grass und vor allem seiner "Blechtrommel" befasst, kommt am Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg nicht vorbei. "Das Typoskript ist in der Literaturwissenschaft die einzige Quelle zur Entstehung der Blechtrommel", sagt Hehl. Das, was der gestern an einer Infektion verstorbene Grass seinem Freund Walter Höllerer für das 1977 eröffnete Literaturarchiv überlassen hat, ist laut Hehl von "unschätzbarem Wert und für die Stadt Sulzbach-Rosenberg ein Aushängeschild".

Michael Peter Hehl hat Günter Grass nie persönlich getroffen, im Gegensatz zu Patricia Preuß, die das Literaturarchiv leitet. Sie erinnert sich an die Begegnung im Dezember 2003. Obwohl Grass gesundheitlich angeschlagen war, hielt er souverän seine Lesung in der Hauptwerkstatt der Maxhütte vor knapp 1000 Gästen.

Gar nicht unnahbar

"Er war jemand, der ganz wunderbar lesen konnte", sagt Preuß über ihn. Er sei überhaupt nicht unnahbar gewesen "und stand unserem Haus sehr wohlwollend gegenüber". In den Genuss von Pilz- oder Fischsuppe, die Grass für das literarische Amtsgericht zubereitete, kam sie allerdings nicht. "Das war vor meiner Zeit", sagt die Leiterin des Literaturarchivs. (Angemerkt, Hintergrund)
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.