Das zweite Buch der Juden

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
07.11.2015
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Der "Talmud" - ein Buch mit sieben Siegeln? Nicht mehr für diejenigen, die in der ehemaligen Synagoge Pfarrer Dr. Axel Töllner (Nürnberg) hörten. Der Beauftragte der Evang.-Luth. Landeskirche Bayern für den christlich-jüdischen Dialog lehrt zugleich an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

In Sulzbach beleuchtete er Inhalt und Geschichte des zweitwichtigsten Buchs im Judentum, einer Art beständiger Fortschreibung der Bibel in den Lebensalltag hinein. Während seines Studiums hatte Töllner ein Jahr auch in Jerusalem verbracht.

Druck in Sulzbach

Zentraler Anknüpfungspunkt war, dass die hebräische Druckerei der Herzogstadt insgesamt drei Auflagen dieses Monumentalwerks rabbinischer Theologie hervorgebracht hat. "Das war natürlich kein Bestseller wie die Kalender und Gebetbücher aus Sulzbach", so Dr. Töllner; dennoch sei es ein herausragendes Produkt der hiesigen Offizin gewesen. Einzelne Exemplare davon sind auf der Frauenempore der Synagoge zu sehen.

Wörtlich bedeutet Talmud "Lernen" - und zwar lebenslang, diskussionsfreudig und dynamisch, informierte der Theologe. Gegenstand dieses Lernens im großen bunten Sammelwerk des Talmud sei die Tora (wörtlich "Weisung" oder "Lehre"), die Heilige Schrift der Juden mit den fünf Büchern Mose, ihren 54 Abschnitten und 613 Geboten. Zu dieser schriftlichen Ur-Überlieferung bilde der Talmud eine Art Fortsetzung oder Ergänzung - mit zusätzlichen, zunächst mündlich überlieferten Inhalten. Töllner stellte die beiden Teile des Talmud vor: die ältere "Mischna" (auf Hebräisch verfasst) und die jüngere "Gemara" (aramäischer Text).

Lange Entstehung

Als Basis des Talmud gelte die vor allem von Rabbi Jehuda HaNassi verantwortete Mischna ("Wiederholung") mit ihren 63 Trakteten. Sie enthielten Auslegungen der Bibeltexte sowie zwei Arten von Zusätzen: die Anweisungen der "Halacha" und die Erzählungen der "Aggada". Die Gemara ("Vollendung") mit ihren Analysen, Kommentaren und Diskussionserträgen sei der schriftliche Niederschlag langer, intensiver Auseinandersetzung jüdischer Gelehrter mit dem Text der Mischna.

Intensiv beleuchtete Dr. Töllner den langen Entstehungsprozess des Talmud seit dem 2./3. Jahrhundert. Dabei sei zunächst in Palästina die kleinere, weniger bedeutende Ausgabe ("Jerusalemer Talmud") entstanden, der große und viel maßgeblichere "Babylonische Talmud" dann aber in der außerisraelischen Diaspora.

"Nach der traditionellen Überlieferung wurde der Babylonische Talmud um 500 abgeschlossen, es ließen sich aber redaktionelle Arbeiten daran bis in späte 8. Jahrhundert nachweisen." Doch damit sei die Diskussion über Themen des Talmud nicht zu Ende gewesen, erläuterte der Theologe.

Bis zur Verbrennung

"Erstmals gedruckt wurde der Jerusalemer Talmud 1523/24 in Venedig", so Dr. Töllner. Eine der wichtigsten Handschriften (14. Jh.) werde in der Bayerischen Staatsbibliothek München verwahrt. Der Fachmann präsentierte auf der Projektionswand Drucke aus Amsterdam, Wilna und Sulzbach. Als typisch für das imposante Druckbild einer Talmudseite zeigte er auf, wie sich darin spätere Kommentare und Ergänzungen in vielfachen Randblöcken um den alten Haupttext ranken - fast wie konzentrische Kreise, die sich im Lauf der Zeit stets vermehrten. Dies spiegele trefflich wider, dass der Text des Talmud aus einem langen Lernprozess heraus entstanden sei. Mit einem spannenden Exkurs zur schicksalsträchtigen Überlieferungsgeschichte dieses ,zweiten Buchs der Juden' bis zu Talmud-Verbrennungen noch um 1750 in Polen schloss Dr. Axel Töllner einen "lehrreichen" Abend in der Sulzbacher Synagoge.
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