Der Feind im eigenen Kopf

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
12.12.2015
4
0

"Mein Name ist Georg, ich bin Alkoholiker". Der, der sich so ehrlich vorstellt, ist gut 70 Jahre alt, ein ganz normaler Rentner. Nach außen hin. Doch ein Problem, das Jahrzehnte zurückliegt, nistet immer noch im Unterbewusstsein. Er ist seit über 30 Jahren trocken und lässt keinen Zweifel daran, dass das nur funktioniert, weil ihm eines Halt gibt: das wöchentliche Meeting der Gruppe der Anonymen Alkoholiker.

Ein Versammlungsraum in der Stadt, vier Frauen und sechs Männer kommen herein, setzen sich um den Tisch, legen Kleingeld in eine Schale. Es gibt Mineralwasser und Plätzchen. Man kennt sich, begrüßt sich vertraut, plaudert kurz. Die Gruppe besteht jetzt schon zehn Jahre, trifft sich jede Woche einmal. Dann eröffnet der Sprecher das Meeting.

Zwölf wichtige Schritte

Jede Gruppe hat einen solchen Organisator, der sich um die Grundlagen kümmert, ansonsten herrscht Basisdemokratie. Jeder darf sich melden, kann reden, so lange er will, niemand unterbricht. Und das Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. Absolute Vertraulichkeit. Einzige Ausnahme: der Reporter, der heute zu Gast ist. Und auch der wird keine echten Namen nennen.

Ludwig, der Sprecher, verliest die Präambel der Anonymen Alkoholiker (siehe Kasten). Dann folgt ein Ritual, das am Anfang eines jeden Meetings steht: Die Zwölf Schritte der AA werden verlesen, die Teilnehmer kommen reihum dran. Dieses Glaubensbekenntnis ist die absolute Grundlage der Gruppenarbeit, das wird sich im Lauf des Abends noch oft bewahrheiten. Jeder, der am Tisch sitzt, hat die Hölle hinter sich, seine ganz persönliche.

Die Alkoholkrankheit hat viel zerstört, Beziehungen, Arbeitsverhältnisse, Lebensgrundlagen, aber auch in den Menschen selbst Schaden angerichtet - nicht nur körperlicher Art. "Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten", heißt es am Anfang.

Absolutes Vertrauen

Gemeinsam ist allen, dass sie glaubten, eine höhere Macht könne ihnen ihre geistige Gesundheit wiedergeben. Absolutes Vertrauen, eine gründliche und vor allem furchtlose Inventur im Inneren folgten, das Zugeben von Fehlern, eine Liste von Geschädigten und das Wiedergutmachen - so weit möglich. Die bewusste Verbindung zu Gott ("wie wir Ihn verstanden") wurde vertieft, dessen Wille ausgeführt. Ein allmähliches spirituelles Erwachen war die Folge, und diese Botschaft soll an andere Alkoholiker weitergegeben werden.

Das klingt jetzt alles ein bisschen nach Sekte, ist es aber keinesfalls. Denn nun schildern die Teilnehmer am Tisch, wie sehr sie sich mit den einzelnen Schritten identifizieren können. Auffallend ist zunächst, dass wohl 80 Prozent dieser Alkoholiker keine medizinische Therapie gemacht haben - sie kamen rein durch ihre Gruppe von der Sucht weg. Und das ist ein enormer Erfolg.

Woran liegt das? Wohl auch an der seltenen Gelegenheit, im geschützten Raum mit Schicksalsgenossen frei reden zu können. Hier kommt alles raus, hier kann jeder seine unter Alkohol begangenen Sünden erzählen, seine ureigene Therapiemethode erklären. Die anderen hören zu, nicken, steuern eigene Erfahrungen und Erlebnisse bei. Gesunder Menschenverstand und Gottvertrauen sind die Grundlage für den Erfolg, das wird aus jedem Beitrag deutlich.

Da ist Johanna, die Witwe, die plötzlich alleine im Leben stand, nachdem die Kinder aus dem Haus waren. Mehrere Flaschen Wein täglich, Gleichgültigkeit, Duselei, Kontrollverlust waren bei ihr die Folge. Genau diesen Kontrollverlust haben alle Teilnehmer bei sich diagnostiziert, dann entschieden und massiv bekämpft - gerade noch rechtzeitig. "Ich bin schon an vielen Gräbern von Bekannten gestanden, die es nicht geschafft haben", erklärt Klaus. Er hat das ganze Programm hinter sich und ist seit 25 Jahren trocken.

Gefahr lauert stets

Und trotzdem: Er und alle anderen sind der festen Überzeugung: Kontrolliertes Trinken gibt es nicht. Sie haben einen dicken Schlussstrich gezogen, der ihnen aber stets in Sichtweite bleibt. Denn der geringste Kontakt mit Alkohol könnte wieder zur Katastrophe führen und eine unheilvolle Spirale in Gang setzen.

Davor haben alle Angst, deshalb wird ständig und überall gründlich gecheckt: Kuchenböden nur ohne Likör, Orangensaft ohne Sekt, keine Radelhalbe, nicht einmal alkoholfreies Bier. Die berühmte Schnapspraline hat oft auch nach Jahrzehnten noch massive Folgen. Deswegen wird in der Familie darauf geachtet, dass solche Situationen nicht eintreten: kein Anbieten von Alkohol, nicht einmal das berühmte Glas Sekt an Silvester; Speisenzubereitung ebenfalls strikt ohne Alkohol, einschlägige gesellschaftliche Zwänge werden im Vorfeld abgeschafft.

Rentner Maximilian erzählt davon, dass er nach Jahren der Alkoholabhängigkeit ein völlig neues Verhältnis zu seiner Frau gefunden hatte, die ihm die ganze Zeit beigestanden war. Sie erlebten noch glückliche Jahre, nachdem er die Sucht überwand. "Besiegt hab ich sie nicht", korrigiert er sogleich. Denn alle AA-Mitglieder wissen eines: Die Krankheit kann nur zum Stillstand gebracht, aber nie ganz geheilt werden.

Enorm wichtige Treffen

Erstaunlich, wie offen alle Teilnehmer sprechen. Man spürt die Gruppendynamik, beginnt zu verstehen, wie wichtig diese wöchentlichen Meetings sind. Sie geben Halt, sie motivieren, sie bieten geistige Reinigung - ohne irgendwelche Sekten-Attribute oder übertriebene religiöse Riten. Man nimmt den Anderen, wie er eben ist, und versucht, ihm zu helfen mit seinen eigenen Erfahrungen.

Dass es so etwas noch gibt in unserer schnelllebigen, ich-bezogenen Zeit, ist höchst erstaunlich. Und noch viel bemerkenswerter ist, dass vielen Menschen dadurch tatsächlich das Leben gerettet wird. Zehn Jahre AA in dieser Gruppe sind zehn Jahre der aktiven gegenseitigen Hilfe. Da bekommt das Zitat "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" eine neue Bedeutung. Ganz im Verborgenen. Einmal jede Woche.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.