Der Tod kommt als Strohpuppe

Johann Wolfgang Nast. Bild:Pfarrei St. Marien Sulzbach
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
23.01.2015
4
0

Die Revolution von 1848/49 hat in der Oberpfalz ihren Namen gar nicht verdient. Zumeist blieb hier alles ruhig. Nicht einmal richtige "Demokraten" gab es, also Leute, die einen Staat ohne monarchische Spitze zu denken wagten - mit einer Ausnahme, und der erging es schlecht.

Die Rede ist von Dr. Wolf Schlessinger (1812-1854), dem Rabbiner von Sulzbach. Laut dem Theologen Andreas Angerstorfer war Schlessinger damals "der einzige namhafte Demokrat auf dem Territorium der Oberpfalz". Demokrat war zu dieser Zeit ein Wort, das die Behörden im Sulzbacher Landgericht in höchste Aufregung versetzte. Ihnen galt Schlessinger als ein "gefährliches Subject, welches sorgsamer Überwachung bedarf", huldige er doch "ganz radicalen Grundsätzen".

Wie radikal die tatsächlich waren, zeigt seine Rede zur Gründung des liberaldemokratischen "Volks-Vereins zu Sulzbach" am 14. Oktober 1848. Volksvereine waren in der politischen Sprache der Zeit Zusammenschlüsse, die sich hinter die ursprünglichen Ziele der Revolution stellten. Beim Sulzbacher Ableger schlug sich das im Vereinszweck nieder, "die vom Volke errungenen Rechte durch alle gesetzlichen Mittel zu wahren".

Das Vaterland ist nicht einig

Das Radikale an Schlessingers Rede war, dass er den Adligen und Bessergestellten vorwarf, sie glaubten sich "durch jede Berührung und Gemeinschaft mit dem Volke gleichsam entehrt". Es setze sich nun aber die Auffassung durch, "daß jeder Mensch in dem andern einen Bruder, ein im Ebenbilde Gottes geschaffenes Wesen erkennt". Schlessinger hoffte dadurch auf eine vollkommene Emanzipation der Juden. Als radikal galt es ferner, wenn er das "große, einige deutsche Vaterland" hochleben ließ, denn das gab es noch nicht, Deutschland war in 36 Einzelstaaten zersplittert. Und den Hellsichtigen war klar: Die nationale Einheit - 1848/49 vor allem ein Ziel der Linken - musste gegen den Widerstand der Monarchen erkämpft werden.

Die Zeitgenossen nahmen natürlich wahr, dass unter den 73 Gründungsmitgliedern von Schlessingers Volksverein 13 Juden waren und im sechsköpfigen Vorstand vier. Zunächst scheint das aber kein Problem gewesen zu sein. Doch als Schlessinger am 22. April 1849 in Weigendorf (angeblich vor 1500 Zuhörern) die Oberpfälzer Landtagsabgeordneten kritisierte, folgte ein antisemitischer Ausbruch, wie er ihn sich wohl nicht vorzustellen vermocht hätte.

Keiner vertritt das Volk

Der Rabbiner hatte beklagt, dass zu der Versammlung kein Abgeordneter erschienen war, um über sein Wirken im Landtag Rechenschaft abzulegen, "und daß überhaupt unter den sämmtlichen Abgeordneten der Oberpfalz auch nicht ein Einziger sey, der im wahren Sinne des Wortes ein Vertreter der Volkssache genannt werden könnte". Das bezog der Landtagsabgeordnete Johann Wolfgang Nast (1805-1856), katholischer Pfarrer in Sulzbach, zurecht auf sich. Seine Entgegnung, die am 9. Mai im Sulzbacher Wochenblatt erschien, hat der Historiker Gerhard Müller als "wüstes antisemitisches Pamphlet" eingestuft, in der "Sprache des Boykotts von 1933".

Nast beginnt, er sei nicht gewillt, "allen jüdischen Übermuth und jede Verhöhnung ... stillschweigend zu ertragen". Wer gebe diesem Rabbiner überhaupt das Recht, von Abgeordneten Rechenschaft zu verlangen? "Wahrlich, solcher Arroganz kann nur ein Jude fähig seyn!" Die Schmähungen steigern sich, gehen über "Geschrei eines jüdischen Fanatikers" bis hin zur Diffamierung der Juden als "Menschenklasse, ... bei der ... um irdischen Mammon Alles käuflich ist" sowie dem Satz: "Ihr würdet mit Verachtung auf euere Abgeordneten blicken, wenn ihr je erführet, daß sie die Gesinnungen dieses Rabbiners theilten".

Inhaltlich sah sich Nast angegriffen, weil er gegen die unbedingte Übernahme der Grundrechte aus der Paulskirchenverfassung in Bayern gestimmt hatte. Die hätten die vollkommene Emanzipation der Juden bedeutet, aber Nast lehnte sie offiziell nicht deshalb ab, sondern weil Regelungen wie Gewerbefreiheit und Freizügigkeit der Oberpfalz nicht gut bekommen würden. Darüber hinaus wolle man nicht den Juden auf Kosten der Christen Vorteile einräumen, die Ersteren nur noch größeren Reichtum verschafften.

Nast verstieg sich sogar zu der Erklärung, er könne jetzt angesichts des Verhaltens von Schlessinger nachvollziehen, wie im Mittelalter "grausame Verfolgungen" der Juden zustande gekommen seien. Damit noch nicht genug der versteckten Drohungen. Die Juden hätten zu gewärtigen, dass das Volk ihre "Hetzereien und Wühlereien" durchschaue, die den Menschen immer neue Lasten aufbürdeten - "dann wehe denen, die das gute, aber nur zu oft leichtgläubige Volk in das Unglück hineingeführt, wehe denen, die allein gewonnen, während alle Anderen verloren haben: alle Verantwortung wird auf ihr Haupt zurückfallen!"

Wenig später schritt der hier nur verbal angreifende Antisemitismus zur Tat. Am frühen Morgen des 22. Juli - während des Annabergfestes - hing in der Schanzallee eine Schlessinger nachgestaltete Strohpuppe an einem Baum, um den Hals ein Schild: "Rabbiner allhie, wegen democratischen Umtrieben zum Strange verurtheilt". Bürgermeister Friedrich Kirchner glaubte zunächst, dort hänge wirklich ein Mensch, erfuhr dann aber, "daß es blos ein ausgeschoppter Mann" war.

Wergbüschel statt Haar

Kirchner beschrieb dem Landrichter die Puppe genau: "mit schwarzem Hute, daran flatternd ein hochrothes Band, einem kleinen roth und gelbgeblümten Halstuche, schwarzen ganz abgenutzten und zerrissenem Rocke, der gleichen Hose, alten weißwaschledernen Handschuhen und zerrissenen Stiefel, einer gewöhnlichen, mit angemalter Brille versehenen Maske und anstatt des Haares mit einem Wergbüschel angethan". Kirchner glaubte, hier habe jemand einen Skandal provozieren wollen, weil wegen des Annabergfestes viele Leute auf dieser Straße unterwegs waren und die Puppe gesehen hätten, wenn sie nicht so früh entdeckt und entfernt worden wäre.

Der Landrichter stufte die Sache als weniger schwerwiegend ein und veranlasste nicht etwa polizeiliche Ermittlungen wegen der unverhohlenen Drohung, sondern eine Untersuchung der "liberalen Szene" in Sulzbach. Schlessinger verstand: Auf die Staatsmacht durfte er nicht zählen. Er floh nach New York. Bei der Regierung der Oberpfalz hieß das offiziell, der Rabbiner habe "wegen Zerwürfnissen mit der Einwohnerschaft Sulzbach freiwillig verlassen". Der liberaldemokratische Volks-Verein löste sich im April 1850 auf.

Bei Rückkehr überwacht

Von Amerika aus schrieb Schlessinger am 30. Oktober 1849 nach Sulzbach und verzichtete auf seine Rabbinatsstelle. Doch konnte er beruflich in den USA nicht Fuß fassen und kehrte im September 1850 für einige Wochen nach Sulzbach zurück, wo seine Frau noch immer wohnte. Die Behörden versetzte der "Revolutionär" dadurch sofort wieder in Erregung. Sie ordneten seine "strenge Überwachung" an, konnten aber nur noch feststellen, dass er im Oktober nach Frankfurt ging, wo er "dem Vernehmen nach als Buchhalter oder Hauslehrer in einem Handelshause" arbeite. Dort starb Wolf Schlessinger am 6. November 1854, gerade einmal 42 Jahre alt, an Herzwassersucht.

Die "markanteste Persönlichkeit in der demokratischen Tradition der Oberpfalz" (Angerstorfer) hatte ein Schicksal erlitten, das Schlessinger selbst schon bei der Gründung des Volksvereins angedeutet hatte: "Dasselbe Volk, das heute Jemanden als seinen Wohlthäter begrüßt, ihm mehr als menschliche Ehre erweist ... dasselbe Volk ist bisweilen im Stande, nach Verlauf von wenigen Monden schon denselben Mann mit Schmach und Schande zu überhäufen, ihn mit Schmutz und Koth zu besudeln, wo nicht gar ihn auf eine grausame und barbarische Weise aus der Welt zu schaffen."
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7958)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.