Die Meeres-Monster vom Brüllschlag

Auch diese Ammoniten fühlten sich im Jurameer wohl. Am Strand von Gebenbach. Bild: upl
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
16.10.2015
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Grafik: NT/AZ
 
"Soweit es sich um Äcker handelt, ist Frühjahr und die Zeit ab August am günstigsten für die Suche." Rudolf Rath

Heute sagen sich an den Feldrainen zwischen Aschach und Raigering Fuchs und Hase Gute Nacht. Vor 180 Millionen Jahren gingen hier riesige Meeressaurier auf Beutejagd. Ihre Knochen liegen immer noch auf den Äckern herum.

Ausgestattet mit Gummistiefeln, einer Regenjacke und einem Eimer in der Hand spaziert Rudolf Rath die Feldwege entlang. "Man muss wissen, wo man suchen muss", sagt er. Der 76-jährige Amberger weiß es. Über Jahrzehnte hinweg hat er in seiner Freizeit Fossilien gesammelt und sich deswegen mit den geologischen Besonderheiten der Oberpfalz befasst. Mit Erdschichten, wie sie zum Beispiel rund um den Brüllschlag zwischen Aschach und Raigering zu finden sind.

Der Schwarze Jura

Es ist der sogenannte Schwarze Jura, auf den es Rath abgesehen hat. "Das ist die spezielle Schicht im Landkreis Amberg-Sulzbach, in der eventuell Saurierteile vorkommen." Das, was da auf den Äckern zutage tritt, ist ehemaliger Meeresboden und zwar einer aus einem Küstenbereich. Geologen gehen davon aus, dass das große Jurameer, das vor rund 180 bis 200 Millionen Jahren weite Teile Europas bedeckte, im Landkreis Amberg-Sulzbach endete. Johannisberg, Buchberg und Kohlberger Rangen gehörten wohl schon zum Festland. Westlich davon wogen Wellen in einem 20 bis 26 Grad warmen Wasser - idealer Lebensraum für die Wassersaurier jener Zeit: den delfinähnlichen Ichtyosaurus und den Steneosaurier, der aussah wie ein Krokodil.

Systematisch gegraben

Rudolf Rath ist fündig geworden. Nicht nur in Aschach, sondern auch in der Nähe von Ehenfeld und Gebenbach. Es war ein Herbstnachmittag 1977, als er wieder einmal Richtung Gebenbach aufgebrochen war, um Fossilien zu suchen. Weil die Dämmerung schon angebrochen war, sah er sich auf die Schnelle nur noch einen Haufen von Feldsteinen an, den ein Landwirt an einem Ackerrand aufgehäuft hatte. "In den Kalksteinen fand ich eine Menge von Muscheln und Ammoniten-Abdrücken", erzählt der 76-Jährige. "Doch auf einmal hatte ich etwas Besonderes in der Hand: Es war ein Wirbel eines Ichthyosauriers."

An diesem Abend musste Rath die Suche wegen der Dunkelheit abbrechen. Aber schon in den nächsten Tagen kehrte er an die Fundstelle zurück. "Ich konnte es fast nicht erwarten, bis das Wochenende da war." In der Folgezeit suchte der Amberger den Acker weiter ab - zunächst ohne großen Erfolg. Bis er ein Jahr später begann, das Feld systematisch unter die Lupe zu nehmen. "Ich teilte den Acker in Planquadrate ein und grub jeweils ein bis zu 70 Zentimeter tiefes Loch." Das Ergebnis dieser schweißtreibenden Arbeit konnte sich sehen lassen. 54 Teile eines Ichthyosauriers, nach Raths Einschätzung von einem einzigen Exemplar, waren hier vor etwa 180 Millionen Jahren im Jurameer zusammengespült worden.

"Man braucht Geduld"

"Soweit es sich um Äcker handelt, ist Frühjahr und die Zeit ab August am günstigsten für die Suche", verrät der Fossilien-Fachmann. Und er hat noch einen Tipp für alle, die einmal nach Saurierteilen Ausschau halten wollen: "Unbedingt eine Geologische Karte besorgen. Dort steht, wo der Schwarze Jura zu finden ist." Rath ist natürlich stolz auf seine Schätze. Etliche besonders schöne Funde hat er an Museen und Fachausstellungen ausgeliehen. "Es ist wirklich ein schönes Hobby", sagt er über seine ausgedehnten Suchaktionen auf den Oberpfälzer Fluren. "Aber man muss Zeit haben. Und Geduld."

Oberpfälzer Karibik - Vor 180 Millionen Jahren: Tropische Temperaturen, warmes Meerwasser

Vor etwa 180 bis 200 Millionen Jahren bedeckte das Jurameer halb Europa. Dort, wo die Wellen gegen die Küsten brandeten, herrschten tropische Temperaturen und auch das Wasser war warm. Laut Geopark Schwäbische Alb pendelten sich die Wassertemperaturen damals zwischen 20 und 26 Grad ein.

Der Superkontinent Pangäa war gerade dabei, langsam zu zerfallen. Nordamerika trennte sich von Südamerika, Afrika und Eurasien. In Süddeutschland sank die Erdkruste ab. "Im süddeutschen Raum lagerten sich zunächst dunkle, sandige und kalkige Schichten am Meeresboden ab", wissen die Geologen aus Münsingen. Später bestanden die Sedimente dann vorwiegend aus schwarzen Ton-Gesteinen und Mergel. Daher hat der Schwarze Jura, der auch im Landkreis Amberg-Sulzbach vorkommt, seinen Namen.

Vor 180 Millionen Jahren herrschten zwei gegensätzliche Meeresströmungen: Kaltes Wasser aus dem Norden wurde von warmem Wasser aus dem Süden überlagert. Die deutliche und stabile Wasserschichtung trennte den Meeresboden zeitweise von der Versorgung mit Frischwasser und damit von Sauerstoff ab. Von den Inseln eingeschwemmte Pflanzenreste verbrauchten bei der Verwesung zusätzlich Sauerstoff im Wasser - am Meeresgrund entstand deswegen lebensfeindlicher Faulschlamm - ideale Voraussetzungen für die überdauernde Erhaltung von Fossilien.

Die delfinähnlichen Ichthyosaurier sind die häufigsten und am besten erforschten Saurier der Jurazeit. Ihre äußere Gestalt ist wegen der zahlreichen Nachweise in ganz Europa rings um das Skelett genau rekonstruierbar. Funde von Muttertieren mit Embryonen im Leib zeigen, dass die Tiere keine Eier gelegt haben, sondern lebende Junge zur Welt brachten. Die größten Exemplare ihrer Gattung konnten bis zu 20 Meter lang werden. Die Meereskrokodile der Jurazeit (Steneosaurier) ähneln den heutigen Flusskrokodilen aus Indien.

Saurierfunde in Amberg-Sulzbach


Amberg

Für das Jahr 1948 ist nach Angaben von Rudolf Rath der Fund eines Ichthyosaurier-Wirbels am Wagrain in Amberg verzeichnet. Als kleine Sensation gilt die Freilegung fünf fossiler Knochen eines Plesiosauriers. Ein Geologe aus München machte 1967 in den Tongruben am Mariahilfberg die Entdeckung. Von Plesiosaurern (Schlangenhalssaurier genannt) gibt es nur wenige Spuren in ganz Bayern. Das Amberger Exemplar soll eine Länge von etwa drei Metern gehabt haben. Die fünf Knochen sind im Besitz der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und historische Geologie in München.

Ehenfeld

1972 entdeckte Rudolf Rath drei zusammenhängende Ichthyosaurier-Wirbel sowie zehn Knochenteile eines ausgewachsenen Steneosauriers (Meereskrokodil) in der Nähe von Ehenfeld. Damals nutzte er die Grabungen, die für den Bau der Erdgasleitung von Waidhaus Richtung Franken nötig waren.

Edelsfeld

In der Dogger-Schicht bei Edelsfeld trat in den Jahren 1980 und 1994 jeweils ein Wirbel eines Steneosauriers zutage.

Gebenbach

Der ergiebigste Fund stammt von einem Acker bei Gebenbach. Dort sammelte Rath von 1977 bis 1979 insgesamt 54 Ichthyosaurier-Teile: Wirbel, Fußknochen, Rippenteile und Paddelknochen. Der Amberger Fossiliensammler hatte dazu einen ganzen Acker in Planquadrate eingeteilt und systematisch gegraben. Ichthoysaurier waren Reptilien, die nur im Wasser lebten. Die ursprünglich vorhandenen Füße verwandelten sich im Laufe der Zeit zu Paddeln. Die Ichthyosaurier ernährten sich von Fischen.

Lintach

Mehrere Ichthyosaurier-Wirbel stammen von den Feldern zwischen Aschach, Lintach und Paulsdorf (Fundjahre 1980 und 1992).

Aschach

1996 tauchte bei Aschach eine Platte mit mehreren Rippenteilen eines Ichthyosauriers auf. Außerdem wurden acht einzelne Wirbel des sogenannten Fischsauriers gefunden.

Auerbach

Zwischen 1996 und 1998 grub Rath in der Umgebung von Auerbach eine ganze Reihe von Wirbeln des Ichthyosauriers aus.
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