"Die Oberpfalz packt aus"

Die Textilhistorikerin Katrin Weber (rechts) präsentiert ein Mieder aus der Zeit um 1820/30. Solche Alltagskleidung aus bedruckter Baumwolle hat sich höchst selten erhalten. Museumsleiterin Edith Zimmermann (links) zeigt ein Spenzergewand aus Seidenatlas mit den typischen wattierten Ärmeln. Schürze und Rock sind eher ländlich. Bilder: cog
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
28.08.2015
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Das Sorgenkind der Textilhistorikerin ist dieses Schultertuch aus Seide vom Ende des 19. Jahrhunderts. Es hat durch die Lagerung gelitten. Die blaue Farbe zersetzt sich und zerstört den Stoff.

Vor einigen Wochen wurde im Stadtmuseum die neue Sonderausstellung über "Frauen im Mittelalter" eröffnet. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeitet Museumsleiterin Edith Zimmermann aber schon an der nächsten Sonderausstellung, die am 24. April 2016 startet.

"In Bayern gehören Bier und Tracht untrennbar zusammen", erläutert Edith Zimmermann. Wenn nächstes Jahr die bayerische Landesausstellung "Bier in Bayern" eröffnet wird, bieten die Oberpfälzer Museen unter dem Motto "Tracht im Blick - die Oberpfalz packt aus" begleitend Ausstellungen zum Thema Tracht an. Das Spektrum reicht von Unterwäsche im Stadtmuseum Schwandorf bis zu Kopfbedeckungen, die das Stadtmuseum Nittenau präsentiert.

Der Landkreis Amberg-Sulzbach ist die Kirwa-reichste Region Deutschlands und vermutlich der Welt. Deshalb lag es für Zimmermann nahe, in Sulzbach-Rosenberg Kirwa und Tracht zu behandeln. "Eine Sonderausstellung ist eine Gelegenheit, Sachen aus dem Depot zu holen und zu zeigen", erläuterte die Kunsthistorikerin. Ein Museum sei nämlich in erster Linie eine Sammlung, ein Archiv für Dinge, um sie für die nächste Generation zu bewahren. In der Dauerausstellung könne nur ein Bruchteil gezeigt werden.

Wertvolle Stücke

Derzeit sichtet sie zusammen mit der Textilhistorikerin Katrin Weber die Textilbestände des Museums, die sich im Depot befinden. Die Museumsleiterin ist dankbar, dass der Förderverein einen namhaften Betrag zur Verfügung stellt, mit dem sie die Expertin bezahlen kann. Wie Zimmermann erläuterte, besitzt das Museum sehr wertvolle Stücke. Die meisten wurden 1983, als das Museum umzog, fachmännisch eingepackt und liegen seitdem im Dornröschenschlaf. Seit 2008 befindet sich das Depot im Scherling-Stadel an der Allee. Der ist aber wegen seiner schlechten Aufbewahrungsbedingungen konservatorisch ungeeignet.

Nicht nur, dass er so überfüllt und vieles nicht zugänglich ist, er ist auch nicht klimatisiert. Die extremen Schwankungen von Luftfeuchtigkeit und Temperatur verderben die Sachen: "Das rostet und bröselt. Überall macht sich Schimmel breit!" Noch dazu finden Mäuse, Motten und anderes Ungeziefer ihren Weg in das Depot und schädigen die kostbaren Stücke zusätzlich.

Nur teils erfasst

Für Zimmermann sind die Sonderausstellungen eine Gelegenheit, die Depotbestände schrittweise zu erfassen, denn vieles ist nur teilweise inventarisiert. Vor allem über die Zugänge nach 1980 gibt es kaum Aufzeichnungen. Mit Weber zusammen hat sie zahlreiche interessante Stücke gefunden, auch wenn nicht wenige durch die schlechten Aufbewahrungsbedingungen gelitten haben.

"Man kann viel Geld sparen durch ein anständiges Depot. Denn die Kosten für Sicherung und Reparatur der Schäden sind viel höher", betonte Zimmermann. Jetzt stellt sich den beiden Frauen die Frage, was Tracht eigentlich ist. "Es wird enttäuschte Gesichter geben, weil wir in der Ausstellung weder Dirndl noch Lederhosen zeigen werden", sagte Weber, "Tracht ist Mode, und Mode ist immer im Wandel." Es habe zwar regionaltypische Farben und Formen gegeben, die Einheitlichkeit, die heute gepflegt wird, wurde aber von den Trachtenvereinen erfunden.

Im 19. Jahrhundert, einer Zeit des Umbruchs, wuchs die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit". Damals wurde die Tracht erfunden, und diese inzwischen schon historische Tracht ist heute ein Modetrend.
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