Die Stadt als Chance für Frauen

Bäuerinnen arbeiteten extrem hart und starben meist jung.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
10.07.2015
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Über Jahrhunderte hinweg bestimmten meist Männer die Geschichte, und sie schrieben diese auch auf. Noch gar nicht so lange suchen Forscher nach Quellen, wie Frauen im Mittelalter lebten. Sie sind fündig geworden.

"Man solle einem weiblichen Wiesel das Bein abschneiden, das Tier aber leben lassen und dieses Bein einer Frau an den Hals binden und sie wird nicht empfangen, solange sie es dort trägt; wenn sie es aber abnimmt, wird sie schwanger werden." Das empfahl der Universalgelehrte Albertus Magnus (1200 -1280) den Frauen des Mittelalters zur Empfängnisverhütung.

Nur aus der Oberschicht

Dr. Alice Selinger zitierte diesen Rat in ihrem Vortrag, den sie zur Eröffnung der Ausstellung "Frauenleben im Mittelalter" im Stadtmuseum hielt. Schriftliche Quellen aus dem Mittelalter stammten überwiegend von Männern. Jahrhunderte hindurch hätten sie die Geschichtsschreibung bestimmt. "Die wenigen Frauen, die erwähnt wurden oder gar selbst berichteten, gehörten einer hohen gesellschaftlichen Schicht an", erläuterte Selinger. Erst im 19. Jahrhundert begannen Forscher, mittelalterliche Funde, Bücher und Dokumente auf Hinweise zu den Lebensbedingungen von Frauen zu untersuchen.

Ausführlich streifte die Referentin die verschiedenen Bereiche der Ausstellung. Sie widmen sich der Lebenserwartung von Frauen, Problemen der Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft oder den konträren Ansichten zwischen Glaube und Aberglaube. Frauen standen lebenslänglich unter der Vormundschaft eines Mannes; des Vaters, des Ehemanns oder eines anderen. Sexuelle Freiheiten, die sich Männer erlaubten, seien Frauen nicht zugestanden worden. Schon bei geringen Abweichungen hätten sie als wollüstig, sündig und verdorben gegolten.

Das Kloster als Ausweg

Als Ausweg aus dieser Männerwelt wählten adelige Frauen oft das Klosterleben. Dies sei für sie die einzige Möglichkeit gewesen, in den Genuss von Bildung zu kommen.

"Normale" Frauen mussten für ihre Familien die Nahrung zubereiten, das Feuer unterhalten, Wasser holen, Wäsche waschen, Kleidung herstellen, Gemüse anbauen, die Tiere versorgen, Bier brauen, Seife sieden, Alte und Kranke pflegen und bei der schweren Arbeit auf den Feldern helfen. "Bäuerinnen arbeiteten extrem hart und starben meist jung", schilderte Selinger die Folgen.

Neue Perspektiven

Verbessert habe sich die Lage der Frauen im 13. Jahrhundert, als ihnen die wachsenden Städte neue Pers-pektiven eröffneten. Deren Bürgerrechte erlaubten es ihnen zum ersten Mal, sich einen Besitz aufzubauen oder zu erben. Sie begannen, selbstständige Berufe auszuüben; auch in Männerdomänen wie zum Beispiel Dachdecker oder Schmied. "Es ist daher nicht zu unterschätzen wie bedeutend die Entwicklung der Städte besonders für den weiblichen Teil der Bevölkerung war", folgerte die Expertin zum Schluss.

2. Bürgermeister Günter Koller begrüßte die Eröffnungsgäste im schattigen Hof des Museums. Er betonte die Verbindung der Ausstellung mit der mittelalterlichen Prägung der Stadt Sulzbach-Rosenberg, die nicht nur im Museum spürbar sei.

Mit einem launigen Spruch zum Bierbrauen, das im Mittelalter in den Aufgabenbereich der Frauen fiel, gab er das Wort an die wissenschaftliche Leiterin Edith Zimmermann weiter, die diese Ausstellung ins Stadtmuseum geholt hatte. Über die Entstehungszeit der Neustadt unter Kaiser Karl IV., die Goldene Straße und die Fernhandelswege spannte sie den Bogen zur Sonderausstellung.

Schnell in aller Munde

Passend zur Thematik, hatten Mitglieder der historischen Gruppe Stiber-Fähnlein ein Büfett mit Kostproben sieben mittelalterlicher Speisen angerichtet. Lombardisches Hühnerpastetchen, Käseküchlein oder der fleischlose Dinkel-Bratling aus der Hildegard-Küche fanden schnell den Weg in aller Munde. Zur Ausstellungseröffnung stimmte das Ensemble Spielleut' von Ammenberg einige Minnelieder an.

Die Sonderausstellung "Frauenleben im Mittelalter" bliebt noch bis Sonntag, 4. Oktober, im Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg zu sehen.
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