Ein Schritt zur Versöhnung

Mit einer Andacht auf dem Friedhof gedachten (von links) der katholische Priester Vladimir Jahn, Pavel Hojgr, Bürgermeister von Lestina, der evangelische Ortsgeistliche Jan Hudec und der Sulzbach-Rosenberger Stadtpfarrer Dr. Roland Kurz der Opfer des Massakers von 1945.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
18.06.2015
8
0

Auf dem Gedenkstein steht "Gewidmet den unschuldigen Opfern der Nachkriegsgewalt 1945" in tschechischer und deutscher Sprache. Pfarrer Jan Hudec hat nachgeforscht, was im Mai vor 70 Jahren geschehen ist. Und er ging mit dem evangelischen Dekanat Sulzbach-Rosenberg einen "Schritt zur Versöhnung".

Gut 200 Kilometer östlich von Prag liegt das kleine Dorf Lestina. Seine Bewohner und ihre Nachbarn aus Hrabová, Zábreh und Sumperk erinnerten in Gottesdiensten und Konzerten an die Menschen, die dort am Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet worden sind. Das Gedenken teilten Pfarrer Dr. Roland Kurz und der Posaunenchor des CVJM Rosenberg.

Offen aufeinander zugehen

Eine Broschüre wurde vorgestellt, die über das Massaker von Lestina berichtet. Sie zeigt auf, dass der deutsch-tschechische Konflikt schon viel früher begann und keine Seite die alleinige Schuld am Unrecht trägt. Auf Deutsch und Tschechisch lädt das Büchlein "Ein Schritt zur Versöhnung" ein, sich die Fehler und Verbrechen beider Seiten bewusst zu machen, zu verzeihen und offen aufeinander zuzugehen. Den Druck finanzierte der Wiener Professor Viktor Dostal, ein in Sumperk geborener Sudetendeutscher.

Lange waren in Tschechien die Verbrechen an Deutschen und ihre Vertreibung nach dem Krieg ein Tabuthema. Jetzt kommt die Diskussion über die Ereignisse in Gang. Auch in Lestina und den Nachbarorten sind die Ereignisse der Nachkriegszeit nun ins Bewusstsein gerückt, obwohl sie nie vergessen waren. Verwandte der ermordeten Deutschen legten auch in der Zeit des Kommunismus immer Blumen am Grab nieder.

Den Bürgermeistern der vier Gemeinden war es ein Anliegen, Deutsche in das Gedenken einzubeziehen. Jirí Linhart, der Bürgermeister von Hrabová, erläuterte: "Es war mir von Anfang an wichtig, dass diese Begegnung stattfindet, weil unter den Menschen, die ermordet wurden, auch fünf Tschechen waren. Eine der Geiseln, die hier ermordet wurden, war mein Großvater. Ich will nicht anklagen, aber wir wollen endlich ansprechen, was passiert ist, damit es nie wieder geschieht." Genauso sahen es seine Kollegen aus den Nachbarorten, die deshalb die Begegnung mitfinanziert haben.

Musik führt zusammen

Der Rosenberger Posaunenchor um seinen Leiter Kurt Lehnerer spielte bei sehr gut besuchten Konzerten auch zusammen mit örtlichen Musikern. Besonders beeindruckend war der Auftritt in Zábreh mit Carmen, einem weltlichen Chor, der oft kirchliche Lieder singt. In Zábreh intonierten die Sänger Lieder aus dem Gesangbuch, darunter "Ich lobe meinen Gott" auf Tschechisch. Spontan nahmen die Bläser die Melodie in einer Instrumentalversion auf.

Posaunenchöre sind in Tschechien weitgehend unbekannt. Drei tschechische Musiker begleiteten bei einigen Stücken den CVJM. Sie fühlten sich dadurch ermutigt, jetzt in Zábreh einen gemeindeübergreifenden Posaunenchor zu gründen. Lehnerer freute sich darüber und unterstützte die Kollegen gleich mit Noten. So sind neue freundschaftliche Kontakte über die Grenze und die Gräben der Vergangenheit hinweg entstanden.

"Versöhnung beginnt im Kleinen, in der direkten Begegnung", fasste Pfarrer Dr. Kurz zusammen. "Mit dieser Reise sind wir einen ersten, wichtigen Schritt gegangen. Es hat sich gelohnt."
Weitere Beiträge zu den Themen: Lestina (1)Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.