Ein Willkürakt mit Todesfolge

Der Fall Maldaque ist kein Kriminalroman, sondern eine politische Auseinandersetzung zwischen der staatlichen Obrigkeit und einer Frau, die selbstbestimmt leben wollte und dies mit dem Tod bezahlte: Die Geschichte erzählten Klaus Himmelstein und Waltraud Bierwirth. Bild: bmr
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
17.03.2015
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Kaum ein Stuhl hätte noch in die Buchhandlung Volkert hineingepasst. Der Grund für den Ansturm: Eine Lesung zur Geschichte der Lehrerin Elly Maldaque.

Groß war das Interesse am "Fall Maldaque", den die Herausgeber des gleichnamigen Buches als einen Willkürakt mit Todesfolge bezeichneten. Der Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung und die Erinnerung an das Leben der ehemaligen Lehrerin passten zusammen, betonte Waltraud Bierwirth als eine der Herausgeberinnen. So kostete es Elly Maldaque das Leben, weil sie nach selbstbestimmten Regeln agieren wollte. Aus der Geschichte zu lernen, sei ein gewerkschaftlicher Grundsatz, betonte Verdi-Ortsvorsitzender Manfred Weiß, bei der gemeinsam mit der Buchhandlung Volkert organisierten Autorenlesung.

Vom Elternhaus geprägt

Elly Maldaque, die nur 36 Jahre alt wurde, wuchs in Erlangen in einem evangelischen, staatsloyalen Offiziershaushalt auf. Elternhaus, Schule, Seminar und die Erlanger Stadtgesellschaft prägten Ellys ersten 20 Jahre, schilderte der Autor und Herausgeber Klaus Himmelstein. Zusammen mit den Eltern zog Maldaque ins überwiegend katholische Regensburg. Dort wurde sie 1920 an der evangelischen Volksschule in der Von-der-Tann-Straße als Lehrerin auf Widerruf angestellt.

Zwar wurde mit Einführung der parlamentarischen Demokratie die kirchliche Aufsicht durch Schulräte ersetzt. Doch die Lehrordnung forderte von den Volksschullehrern weiter einen erziehenden und formenden Unterricht. Maldaque wollte dies nicht: Sie förderte vielmehr die Denk- und Urteilsfähigkeit ihrer Schülerinnen. Damit gab sie sich aber nicht zufrieden. In der zweiten Hälfte der Weimarer Republik beschäftigte sie sich zunehmend mit der "schreienden Ungerechtigkeit der Gesellschaftsordnung", nahm Kontakt zur KPD und Freidenker-Bewegung auf.

Die Beobachtung Maldaques durch einen Spitzel in der KPD und durch die politische Polizei mündete im März 1930 in eine Durchsuchung der Wohnung wegen des Verdachts der Verbreitung kommunistischer Hetzschriften. Gefunden wurde nichts - trotzdem bilanzierte der Leiter des Referats für politische Angelegenheiten bei der Regierung der Oberpfalz Julius Hahn, dass Maldaque Angehörige der KPD und Anhängerin der Freidenkerbewegung sei. Daraufhin wurde die Lehrerin fristlos entlassen, zwei Monate vor der Verbeamtung. Bei Elly Maldaque, von heute auf morgen ohne Einkommen, stellten sich bald extreme Verfolgungsängste und eine zunehmende Verwirrung ein, schilderte Klaus Himmelstein. Auf Veranlassung ihres Vaters wurde sie, gegen ihren Willen und mit Gewalt, in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll gebracht: Hier starb sie elf Tage später, am 20. Juli 1930. Nie geklärt wurde, ob der Zwang-Aufenthalt Grund dafür war.

Schwierige Aufarbeitung

Die Universität Regensburg werde ein Bollwerk gegen nihilistische und atheistische Kräfte, verkündigte Anfang der 60-er Jahre Arbeitsminister Fritz Pirkl (CSU). Er formulierte den programmatischen Auftrag für Bayerns neue Hochschule. Dies und die nach 1972 folgenden Berufsverbote auf Bundesebene zeigten die Kontinuität der Disziplinierung kritischer Menschen durch staatliche Politik auf, betonte Waltraud Bierwirth.

Wie schwer sich die Obrigkeit mit der Aufarbeitung der Vergangenheit tut, gehe auch daraus hervor, dass Elly Maldaque bis heute vom Staat nicht rehabilitiert sei. Die Forderung, ihre ehemalige Schule nach ihr zu benennen, sei ebenfalls nicht umgesetzt. Derzeit werde aber diskutiert, dass die Einrichtung mit dem Namen des früheren CSU-Bürgermeisters Hans Hermann ab dem neuen Schuljahr Elly-Maldaque-Schule heißt.
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