Eine Frage der Menschlichkeit

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
09.01.2015
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375 Asylbewerber sind - Stand Donnerstag - in 19 Gemeinden des Landkreises untergebracht. Wenn Landrat Richard Reisinger über sie spricht, kann er seine eigene Biografie nicht verdrängen: "Ich stamme selbst aus einer sudetendeutschen Flüchtlingsfamilie."

Und noch etwas hat bei dieser Frage mit Reisingers persönlichen Erfahrungen zu tun: Von der Unterbringung der Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften rät er beim Jahresgespräch mit der AZ ab. Als Student hat er dort geholfen und mitbekommen, welche Konflikte auftreten können, wenn viele verschiedene Kulturen, Religionen und Temperamente auf engem Raum aufeinanderprallen.

Nicht in Turnhalle

Insofern ist Reisinger erleichtert, dass der Winter-Notfallplan wohl nicht in Kraft tritt. Der Landkreis hatte dafür die Dreifachturnhalle der Walter-Höllerer-Realschule in Sulzbach-Rosenberg als Sammelunterkunft für 200 bis 300 Asylbewerber gemeldet, falls die Unterbringung in dezentralen Quartieren wegen eines stark anschwellenden Zustroms von Flüchtlingen nicht mehr möglich sein sollte. Da hat Amberg-Sulzbach derzeit noch genügend Luft: Die von Vermietern bisher angebotenen Wohnungen erlauben es bei maximaler Belegung, 501 Menschen unterzubringen.

Dieses Überangebot steht durchaus symbolisch für die Haltung, mit der die meisten Amberg-Sulzbacher den Neuankömmlingen begegnen. Von Vermietern, die sich "fast rührend um die Asylbewerber kümmern", erzählt Reisinger. Und auch von Mitarbeitern im Amt, die viel mehr tun, als eigentlich gefordert wäre. Ebenso verhielten sich Bürgermeister, Gemeindeverwaltungen, ehrenamtliche Helfer oder Privatpersonen. Der Landrat: "Bisher können wir im Landkreis sehr zufrieden sein, wie wir das als gemeinschaftlichen Kraftakt stemmen."

Ausbildung das Ziel

Die Asylbewerber gefährdeten auch nicht den Wohlstand der Einheimischen, sagt Reisinger, im Gegenteil: Sie täten einem Staat gut, der demografische Probleme hat. Viele der Flüchtlinge seien in puncto Berufstätigkeit sehr ehrgeizig, weiß Reisinger aus Gesprächen mit Betroffenen. "Sie wollen eine Ausbildung machen und auf keinen Fall das Sozialsystem belasten." Der Landrat findet das gut, "denn die beste Integration ist Arbeit und Beschäftigung".

Letztlich sei der Umgang mit Asylbewerbern aber keine wirtschaftliche Frage, sondern eine der Menschlichkeit: "Gefragt ist die Willkommenskultur einer Gesellschaft, die selbst Flucht und Vertreibung erlebt und gut bewältigt hat."
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