Eine Kirche, zwei Konfessionen

Der Turm der Kirche in Illschwang - eines der größten von katholischen und evangelischen Christen noch gemeinsam genutzten Gotteshäuser in der Region. Bild: no
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
07.03.2015
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Nirgendwo in Deutschland gibt es auf so engem Raum so viele Simultankirchen wie im Sulzbacher Land. Nach Jahrhunderten geht die Koexistenz von Protestanten und Katholiken endlich in ein freundschaftliches Miteinander über.

Heidi Kurz erinnert sich noch an so einige unliebsame Begegnungen während ihrer Zeit als Pfarrerin in Fürnried. "Wir Katholiken sind die starken Äste eines Baumes. Ihr Protestanten seid das Laub, das vom Winde weggeweht wird", das habe einmal die katholische Mesnerin ihrer evangelischen Amtskollegin entgegengeschmettert. "Es ist besser geworden", resümiert die Theologin, die mit Geschichten über die Fallstricke des Simultanwesens ein ganzes Buch füllen könnte.

Das Simultaneum ist so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal des ehemaligen Herzogtums Sulzbach. Weil sich die Landesherren im 17. Jahrhundert nicht über die konfessionelle Zugehörigkeit ihrer Untertanen einigen konnten, beschlossen sie, sämtliches Kircheneigentum und dazugehörige Rechte zwischen Katholiken und Protestanten zu teilen. Eine als salomonisch gedachte Entscheidung, die im Detail zu kuriosen Gegebenheiten führte: zu zweigeteilten Pfarrhäusern, von Mauern durchzogenen Gärten, zerstückelten Wiesen und Äckern, vernagelten Kanzeln, abgesperrten Taufsteinen und sich gegenseitig vorenthaltenen Lautsprecheranlagen.

Der rollende Altar

Von der Verstimmung um den Lautsprecher kann die ehemalige Fürnrieder Pfarrerin ein Lied singen. Sie kam 1994 als Seelsorgerin in das überwiegend evangelische Birgland-Dorf. Die Fürnrieder Kirche gehörte damals noch beiden Konfessionen zu gleichen Teilen, allerdings hatte die evangelische Kirche wegen der Mehrzahl der protestantischen Gläubigen 99 Prozent der Baulast zu tragen. So wurden unter anderem die Kosten für die Kirchenrenovierung im Verhältnis 247 500 zu 2500 D-Mark gesplittet. Am Kauf einer Lautsprecheranlage wollte sich die katholische Gemeinde nicht beteiligen, so dass die Protestanten die Steuerung der Anlage in der Sakristei versperrten.

"Mit der Zeit haben wir diese Gräben überwunden", freut sich Kurz. "Mein Mann hat irgendwann dem katholischen Kollegen gesagt, dass sie die Anlage mitbenützen dürfen. Wir haben dann sehr gut zusammengearbeitet." Mittlerweile funktioniert das Nebeneinander der Konfessionen in dem Gotteshaus reibungsfrei. Bevor der katholische Geistliche seine Messe zelebriert, schiebt der Mesner einen mit Rollen ausgestatteten Volksaltar an den vorgesehenen Platz. Nach dem Gottesdienst verschwindet der Opfertisch der Katholiken wieder hinter dem Hochaltar. Die auseinanderklaffende Kostenrechnung bei der Kirchensanierung war Anlass, die Eigentumsverhältnisse anzupassen: Die katholische Pfarrei schenkte der evangelischen Gemeinde ihren Anteil am Gebäude, so dass das Gotteshaus nun - analog zur Baulast - zu 99 Prozent den Protestanten gehört.

Im Tod getrennt

Grundgedanke des Simultanwesens war es, die Einheit der Christen zu fördern. "Herzog Christian August dachte, dass es nur mehr eine Frage der Zeit wäre, bis der konfessionelle Zwiespalt überwunden wird", erklärt Pfarrerin Kurz. Für das Miteinander wirkte sich das Simultaneum allerdings an einigen Stellen alles andere als förderlich aus. Der evangelische Pfarrer von Fürnried betreute auch die wenigen Protestanten im überwiegend katholischen Nachbarort Heldmannsberg, wo es eine katholische Pfarrkirche mit dazugehörigem Friedhof gibt.

Wenn dort ein evangelischer Christ aus einer konfessionsverschiedenen Ehe starb, durfte er nicht auf dem heimischen Friedhof begraben werden, sondern fand seine letzte Ruhestätte in Fürnried - getrennt von seinem Ehepartner.

"Das war besonders tragisch", sagt Kurz. "Die Eheleute wurden im Tod getrennt - nicht nur auf verschiedenen Friedhöfen, sondern auch in verschiedenen Landkreisen und Regierungsbezirken." Das nicht einmal einen Kilometer entfernte Heldmannsberg gehört bereits zum mittelfränkischen Kreis Nürnberger Land. Erst 1999 war es mit dieser Art von Trennung zu Ende. "Unser katholischer Kollege hat es dann erlaubt, dass auf dem Heldmannsberger Friedhof auch evangelische Christen bestattet werden dürfen. Das war für uns natürlich ein langersehnte Nachricht."

Nachbau im Museum

1652 wurde das Simultaneum im Sulzbacher Land eingeführt - es gilt immer noch für sieben Gotteshäuser im Landkreis Amberg-Sulzbach: die Pfarrkirchen Eschenfelden, Fürnried und Illschwang sowie die Filialkirchen Frankenhof, Götzendorf, Niederärndt und Kürmreuth.

Bis 1957 wurde auch die Sulzbacher Marienkirche von beiden Konfessionen genutzt. Vor dem katholischen Hauptaltar stand damals der evangelische Altar, dessen Bild, eine Abendmahl-Szene, per Handkurbel versenkbar war. Ein Nachbau dieser Apparatur steht heute im Sulzbach-Rosenberger Stadtmuseum.
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